Gespräch mit Winfried Junge und Hans-Eberhard Leupold

25 Jahre "Kinder von Golzow"

Gespräch mit Winfried Junge und Hans-Eberhard Leupold

Gisela Harkenthal im Gespräch mit Winfried Junge und Hans-Eberhard Leupold

Filmspiegel, Nr. 19, 1986

Als Ihr mit dem Drehen in Golzow angefangen habt, wart ihr jünger als die Eltern der Schulanfänger. Wie entstand das Projekt und wie entwickelte es sich?

Winfried Junge: Ich hatte nach dem Studium der Dramaturgie an der Filmhochschule drei Jahre bei dem Dokumentaristen Karl Gass assistiert und wünschte mir, irgendwann mal einen eigenen Film machen zu können. Das hat Gass mir ermöglicht. Eigentlich war es ein Stoff, den er selbst machen wollte – also Abc-Schützen, erster Schultag, Beobachtungsstudie. Er wollte, daß man sich bei uns wieder an die Tugenden des Dokumentarfilms erinnert: zu beobachten, die Realität zu achten, nicht so viel zu arrangieren, sich kurz zu halten – sehen zu lernen und zu lehren. Und da war dieser erste Schultag natürlich als Idee eine sehr gute Vorgabe. Dennoch war dieses Debüt, "Wenn ich erst zur Schule geh"…"", eine Mischung von vorgefaßten Absichten, die nur zu inszenieren waren, und dem, was sich wirklich ereignet hatte. Der spezifische Stil reifte dann bei dem zweiten Film, "Nach einem Jahr", und daran hat Hans wesentlich Anteil.

Hans-E. Leupold: Für mich war "Golzow" die erste Erfahrung im Dokumentarfilmstudio. Ich war nach dem Hochschulstudium ein Jahr beim Fernsehen, kam dann über Karl Gass ins Dokumentarfilmstudio, war bei dem ersten "Golzow"-Film Kamera-Assistent und arbeite seit dem zweiten Film mit Winfried.

Ab wann war klar, daß "Golzow" ein Langzeitprojekt werden würde?

Junge: Ich wollte zunächst mal mit meinem Erstling klar kommen. Den zweiten Film machten wir eigentlich mehr, weil wir den Vorgänger irgendwie korrigieren, verbessern wollten, und das ist uns ja auch tatsächlich gelungen. – Wir haben dann erst ab 1966 weiter gedacht – nach einem zweiten Erfolg. Der erste war 1962 eine "Silberne Taube" für "Nach einem Jahr" im Länderprogramm der DDR während des Internationalen Dokumentar- und Kurzfilmfestivals in Leipzig; der zweite war 1966 eine eigene "Silberne Taube" für "Elf Jahre alt".

Dann haben wir erstmal nur wieder bis zur Jugendweihe ("Wenn man vierzehn ist", 1969) und Schulentlassung ("Die Prüfung", 1971) weitergeplant. Wir drehten 1975 noch ein Klassentreffen, gestalteten dann aber doch aus Längengründen keinen Film darüber, sondern stellten nur ein Mädchen aus der Klasse vor. Mit "Ich sprach mit einem Mädchen" wurde so das erste Porträt versucht – das der Marie-Luise. Insgesamt bestand die Chronik damals schon aus zwei Stunden und zwanzig Minuten Film, und es hätte auch dabei belassen werden können. Aber es kamen bereits Wünsche, daß eine Zusammenfassung gemacht und aus der Sicht von heute Rückschau gehalten wird.

Das Ergebnis war 1979/80 nach einigen Schwierigkeiten der Film "Anmut sparet nicht noch Mühe", für den wir mit dem Nationalpreis ausgezeichnet wurden. Danach sagte man uns, man hätte zwar die Chronik der Klasse erlebt, aber den einzelnen und seine Probleme nicht richtig kennengelernt. Darum folgten die "Lebensläufe – Die Geschichte der Kinder von Golzow in einzelnen Porträts"". So ist das – stark verkürzt dargestellt – gewachsen. Die kühne Vorstellung, darin einen Film zu sehen, der von der Sache her kein Ende zu haben brauchte, ist erst nach und nach entstanden. – Wider Erwarten interessierte diese Dokumentation "Lebensläufe" – neun Porträts mit vier Stunden siebzehn Minuten Laufzeit –, über Erfolge auf Festivals hinaus, so daß vom PROGRESS Film-Verleih ein Sondereinsatz gestartet wurde. Da er dann von unserem Fernsehen, in der BRD auch von der ARD sowie dem Schweizer Fernsehen ausgestrahlt wurde, dürften ihn etwa zehn Millionen Menschen gesehen haben

Wie war denn im Laufe der 25 Jahre eure Zusammenarbeit? Gabes da immer Einigkeit?

Leupold: Wenn wir immer Einigkeit gehabt hätten, wäre es wahrscheinlich schrecklich gewesen. Es gab mehr unterschiedliche Auffassungen. Zunächst war das Sich-Kennenlernen wichtig, die eigenen Vorstellungen zu präzisieren, sich an dem dokumentaren Gegenstand zu erproben und mit dem, was man von zu Hause und der Ausbildung her mitbringt, in Übereinstimmung zu kommen. Und da gab es natürlich unterschiedliche Sichten. Als Kameramann habe ich eine nüchternere Sicht auf die Realisierbarkeit von Vorstellungen. Winfried obliegt die Gesamtgestaltung, er muß schneiden, er muß überlegen, wie er mit bestimmten Szenen klar kommt und welche Anschlüsse oder bestimmte Elemente er noch braucht.

Und dann gibt es natürlich auch bei einer solchen Zusammenarbeit Phasen, wo der Kampf um die Realisierung eigener Vorstellungen ziemlich heftig ist. Als wir "Elf Jahre alt" drehten, fochten wir die stärksten Kämpfe miteinander aus, aber es wurde zugleich auch einer der besten Filme. Dann gab es für mich die Erfahrung, daß ich als Kameramann immer letztlich am kürzeren Hebel sitze. Winfried sitzt am Schneidetisch und kann sich mit der Schere durchsetzen. Auch wenn Winfried ein Mensch ist, der immer bedreit ist, das Material mit mir zu diskutieren, bestimmen seine Vorstellungen die Form doch in erheblichem Maße. Es ist ein üblicher Prozeß, daß man als Kameramann sein erdrehtes Material an ein anderes Temperament ausliefert, wo es gestaltet wird. Aber bei so einer langjährigen Aufgabe wird es doch zu einem größeren Problem als wenn man nur mal einen Film zusammen dreht.

Junge: Selbst, wenn wir nur unterschiedlich wären in der Mentalität, und das sind wir ja, das hätte schon genügend Spannung zwischen uns ergeben, die man produktiv machen muß für die Gestaltung. Aber zusätzlich brachten uns auch immer wieder die Umstände beim Drehen gegeneinander. Hans sieht die Dinge anders, muß sie anders sehen. Die Kamera ist ein exakter Gegenstand, entweder es ist scharf und richtig belichtet oder nicht. Und der Kameramann wird das immer auf das Machbare hin prüfen müssen, während ich mehr emotional an die Dinge herangehe. Da werden dann ganz plötzlich die Drehbedingungen und die oft sehr eingeengten technischen Möglichkeiten zum Problem und man beginnt, miteinander zu streiten. Wenn wir auch eine "Grundsicht" auf die Dinge haben, so können wir sie eben dennoch nicht immer zufriedenstellend umsetzen.

Haben sich die Bedingungen bei den Drebarbeiten und im Umgang mit den Golzowern im Laufe der Jahre geändert?

Leupold: Wir konnten solange einigermaßen präzise arbeiten und darstellen, solange die Kinder vor uns in der Klasse gewissermaßen angenagelt waren. Die Welt dieser Kinder war ja noch verhältnismäßig klein. Aber in dem Moment, wo sie weiter wurde und wir das auch darstellen wollten, war unser Gerät unzulänglich. Oft konnten wir nicht mehr unmittelbar, sondern nur noch auf indirekte Weise Dinge darstellen. Das können ja auch gute Mittel sein, aber natürlich gibt es heute weltweit Dokumentarfilmdarstellungen, die Maßstäbe setzen, wo man ganz direkt an der Sache dran ist. Und wir können uns der Dokumentarfilm-Weltgeschichte auch nicht entziehen.

Junge: Weil wir ja mit dem Projekt aufgefallen sind und nun weiter beobachtet werden.

Leupold: Man muß ran. Dokumentarfilm lebt auch davon, daß man bestimmte Dinge direkt zeigt. Wie man sie dann interpretiert und darstellt, das ist eine ganz andere Frage, aber man muß erstmal drehen können und drehen, was vor sich geht und im richtigen Moment da sein. Dann kann man sich darüber Gedanken machen, was man damit macht, was es bedeutet, wo es herkommt und wo es hingeht.

Junge: Wir haben eigentlich seit "Elf Jahre alt" 1966, diesem gestalterischen Höhepunkt in der Chronik, immer mehr Abstriche gemacht. Das hält bis heute an. Was wir nun zu zeigen haben, konturiert also nur die Geschichte der Golzower. Die ist sehr viel reicher. Wir haben es hier eher mit einer Dokumentation verpaßter Gelegenheiten als genutzter zu tun. Das ist keine Frage der Menge des Gedrehten, sondern eine Frage, ob wir in die Lage versetzt waren, zielgenau zu drehen. Insofern stehen natürlich Grundfragen für dieses Projekt.

Die Produktionsvoraussetzungen müssen so geändert werden, daß es auch gerechtfertigt ist, weiterzumachen. Und daß wir es über 25 Jahre geschafft haben, was ja viele erstaunt, das muß man eben relativ sehen. Wir haben zwar bis heute weitergemacht und Wichtiges festgehalten, aber zu wenig von dem, was uns sehr wichtig gewesen wäre. Und deshalb war es für uns auch erstaunlich, daß die "Lebensläufe" schon dieses Echo hatten. Da merkt man, was das für Menschen, die nun die Zeitläufte betrachten können und das eigene Leben damit vergleichen, bedeutet. Und das ist auch das, was uns immer wieder dazu bringt, weiterzumachen. Die Chronik wird auch von den wenigen -Fakten, die wir mitzuteilen haben, immer noch wichtig genug sein. Aber bessere Voraussetzungen würden eben wesentlich mehr aus ihr machen.

Werden denn nun die Kinder von Golzow weiter begleitet?

Junge: Wir haben ja die Dokumentation der "Lebensläufe" fortsetzen können. Aus einem kleinen Teil des Materials wurde "Diese Golzower – Umstandsbestimmung eines Ortes" zum 35. Jahrestag der DDR für das DDR-Fernsehen gestaltet. Das ist der dritte Film dieser Trilogie langer Filme. Er wird inzwischen auch fürs Kino angeboten. Das Berliner Kino "Babylon" wird übrigens am 11. und 12. Oktober, jeweils um 20 Uhr, die "Lebensläufe" sowie "Diese Golzower – Umstandsbestimmung eines Ortes" zeigen. – Was nun weiter? Erwartet wird wohl zunächst eine Fortsetzung der einzelnen Lebensgeschichten. Aber aus Porträtskizzen werden so wohl bald abendfüllende Einzelporträts werden. Ein Angebot von insgesamt zwölf bis fünfzehn Stunden. Film – oder dereinst Video? Das ist die unausbleibliche Perspektive. Und dabei soll gar nicht verschwiegen werden, wie was vor der Kamera zustande kam. Eine Porträtfolge hatte wirklich nur übers Fernsehen ein großes Publikum.

Eine solche "Ausbreitung" dokumentierten Lebens wäre jedoch nur die erste "Verarbeitungsstufe". Eine zweite sehe ich in weiterer Komprimierung. Wir müssen einem möglichst großen Publikum auch entgegenkommen, indem wir versuchen, das Ganze unter eine tragende, verwesentlichende Idee zu stellen und kompakte praktikable Gestaltungsformen mit dem Material probieren, die es rezipierbar machen. Schönerweise fällt das Ende des Jahrhunderts annähernd mit einem halben Jahrhundert DDR zusammen.

Und so ergibt sich daraus für uns eine Zielstellung: ein großer Gesamtfilm für das Kino 1999. Wenn man bedenkt, daß Filme von vielen Stunden heute international schon gar nicht mehr selten sind und daß das immer nur ein Angebot für einen spezifischen, aber größer werdenden Interessentenkreis sein kann, hat so etwas vielleicht Ende des Jahrhunderts eine Chance. Ein verdichtender Querschnitt, der dann Rückschau hält auf die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts, in der – wie man später sagen wird – der Frieden auf des Messers Schneide stand und – wie wir hoffen wollen – das Überleben der Menschheit endgültig gesichert wurde.

Wir wollen doch davon ausgehen, daß wir die Rüstungsspirale stoppen können und daß die Menschheit überlebt. Insofern synchronisiert sich unser Projekt ab jetzt ganz mit der sowjetischen Friedensinitiative, mit den Vorschlägen von Gorbatschow, der aufruft, die Sicherung des Überlebens der Menschheit nicht unseren Kindern zu überlassen, sondern die Welt bis zur Jahrtausendwende atomwaffenfrei zu machen. Wir sollten zeigen können, wie man in diesen Zeiten gelebt hat, mit welchen Ängsten, Hoffnungen, Träumen. Welche Aktivitäten freigesetzt wurden – und welche auch unterblieben. Die Frage ist, was wird am Ende von all dem festgehalten worden sein, und was wird man davon veröffentlichen können.
Voraussetzung für ein solches Programm ist natürlich noch vor allem anderen die Bereitschaft der Golzower zur weiteren Mitarbeit. Das Projekt bleibt in der Obhut des Filmwesens, aber. wir hoffen, daß wir künftig auch wieder das Fernsehen zum Verbündeten machen können.

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