Walter Thielemann über das Filmlustspiel

Das Filmlustspiel

Walter Thielemann über das Filmlustspiel

Walter Thielemann, Film-Kurier, Nr. 94, 26.4.1922

Der Ästhet wirft der Kinematographie gern vor, daß sie keinen Humor habe, und was sie für Humor ausgäbe, das seien nur dumme Augustscherze, die jeder edlen Qualität des echten Humors entbehrten.

Darüber ist wenig zu streiten, daß ein Mensch mit geläutertem Geschmack keine besondere Freude an der oft üblichen Art des sogenannten Kientopphumors empfinden kann. Ein anspruchsvoller Geist wird es wohl kaum witzig finden, wenn ein Schornsteinfeger in ein Mehlfaß fällt; er wird sich auch darüber nicht sonderlich amüsieren, wenn dreißig Menschen übereinander stolpern und Straßenlaternen mit sich reißen. Wenn der Humor der Kinematographie einzig und allein nach diesen Beispielen beurteilt würde, dann müßten wir zu einem traurigen Ergebnis kommen. Die Wahrheit liegt aber auch hier in der Mitte!

Von Seiten der Filmfabrikanten ist häufig behauptet worden, daß die Herstellung von Lustspielen nicht lohnend sei, da die Theaterbesitzer für diese Filme kein Interesse haben. Das stimmt nicht, denn die Praxis hat bewiesen, daß Lustspiele ebenso zugkräftig sein können, wie dramatische, ernste Filme. Ich erinnere hier nur an den Erfolg des Ufa-Films "Der Mann ohne Namen", an verschiedene Henny Porten- und Ossi Osswalda-Filme und speziell die Chaplin-Lustspiele. Es steht außer Zweifel, daß die Lichtspielkunst sich ebenso gut auf feineren Humor wie auf die gesellschaftliche Satire versteht, und der verständige Leiter eines Lichtspielhauses muß und wird die Qualität erkennen, die er für sein Publikum akzeptieren kann. Wir haben im Kinotheater sehr oft Bilder gesehen, deren Humor uns lebhaft an Dickens erinnerte, und Satiren, deren stumme Ausdrucksweise der Kraft und Schärfe der Sprache vollkommen gleichstand. Unsere alten Meister haben viel Hervorragendes in der Situationskomik geschaffen, und Werke, die für die übliche Dramatisierung sich als ungeeignet erwiesen, griff die Lichtspielkunst mit kunstgerechten Händen auf und ließ sie in neuer Form erstehen.

Der Mangel an wirklich guten humoristischen Darstellungen tritt im Filmwesen jedoch allenthalben scharf hervor. Auf unseren heutigen Spielplänen stehen zu häufig alberne humoristische Sujets, einen wirklich guten Lustspielfilm gibt es höchst selten. Abgesehen von der Trivialität und Torheit, die in vielen humoristischen Filmen auf den feineren Geschmack der Kinobesucher abstoßend wirken müssen, sind vielfach die sogenannten humoristischen Szenen mit Dingen durchsetzt, die man besser nicht zeigen sollte. Auch für die Komik und den Humor gibt es bestimmte Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Es ist eben bedauerlich, daß von der Filmindustrie dem Beiprogrammlustspiel und dem großen Lustspielfilm so ausnahmsweise die genügende Sorgfalt und Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der Humor des durchschnittlichen Kinolustspiels bewegt sich noch immer in den ausgefahrensten Bahnen: platteste Situationskomik, albernes Spaßmachertum und eine oft bis an und über die Grenze des Erlaubten und Geschmackvollen gehende Pikanterie beherschen es nach wie vor. Die harmloseren Erzeugnisse auf diesem Gebiete wirtschaften mit den sattsam bekannten Witzblatt-Typen, der alten Jungfer, der bösen Schwiegermutter und dem von ihr geplagten Schwiegersohn, dem übermütigen Backfischchen und dem böse Streiche verübenden Schulbuben. Einer tiefer angelegten Charakterkomik, Schelmerei und feinerem Humor begegnet man sehr, sehr selten!