Wolfram Schütte über "Die dritte Generation"

Ein Feyerabend für die Gemütlichkeit

Wolfram Schütte über "Die dritte Generation"

"Die dritte Generation"

Wolfram Schütte, Frankfurter Rundschau, 17.09.1979

An diesem Wochenende kam Rainer Werner Fassbinders vorläufig letzter Film ins Kino: "Die dritte Generation"", Ende vergangenen, Anfang dieses Jahres in Berlin entstanden (ein "Berlin-Film" wie die "13 Monde" ein "Frankfurt-Film" waren), auf eigene Kosten, eigenes Risiko, mit eigener Besessenheit gedreht, nachdem das Fernsehen als Coproduzent ausgestiegen war und der Berliner Senat seine Unterstützung zurückgezogen hatte. Der letzte Film, bevor sich Fassbinder in das Abenteuer seiner Fernsehserienarbeit "Berlin Alexanderplatz" gestürzt hat. An deren Verwirklichung wird er bis Mitte nächsten Jahres arbeiten.

Als die "Dritte Generation" auf dem Filmfestival in Cannes in einer Randveranstaltung lief, meinten amerikanische und französische Kritiker, der Film sei vielleicht der aufregendste des Festivals gewesen, und unverständlich, daß er nicht im Wettbewerb neben Schlöndorffs "Blechtrommel" gezeigt worden sei. Bundesdeutsche Kritiker waren da anderer Meinung. "Gründlich mißlungen" war der Tenor vieler Berichte.

Offenbar war der Klassizismus der "Ehe der Maria Braun" dafür maßgebend und eine persönliche, melodramatische Exzentrizität wie "In einem Jahr mit 13 Monden" als Regelabweichung gerade noch erlaubt. Die historische und die indirekte Rede verletzten nicht; wenn aber einer, der "statt Bomben zu werfen, Filme macht", die Explosivstoffe sind – da wird"s schon gefährlicher; und wo einer die allgemeine Angst und den säuerlichen Ernst der Staatsfrömmigkeit, der Wahrscheinlichkeit und des psychologischen Realismus in den Zerrspiegel Artauds und seines wilden Theaters oder in die aktuell eingedunkelte Lachkultur Bachtins und die höhnische Zeichentechnik Georg Grosz" taucht: – da wird"s prekär, da (auf einmal) "wird einem übel", da "mag man diesen Film nicht", da ist plötzlich der Geschmack zur Hand und die Physiologie, die sich am Ästhetizismus des gegenwärtigen US-amerikanischen Kinos aufgeilt, seinen Gewaltorgien wie Hohen Messen staunend beiwohnt und beredt feiert – die Physiologie eregiert da den mahnenden Zeigefinger. An Fassbinders "Dritter Generation" könnte sich wiederholen, was Alfred Anderschs Gedicht "Artikel 3,3" widerfahren ist – als ob es nicht historische, gesellschaftliche, existentielle Momente gäbe, in denen, was augenblicklich Kunst heißt, nur um den Preis, daß sie keine mehr zu sein scheint, wirklich wahr wird. Da kann einem "das Chaos in Fassbinders Kopf" (oder in dem eines anderen Künstlers) wichtiger, "richtiger" sein als die Ordnung im Kopf eines Politikers oder Rezensenten. Daß es Aufgabe der Kunst ist, "Chaos in die Ordnung zu bringen" – eine glückliche Formulierung von wer weiß wem – , wird nur der bestreiten, der die stickige Lähmung unserer Politik, unserer Kultur und unserer Gedanken nicht als schwüles Tiefdruckgebiet, sondern als Hochdruckzone im Modell Deutschland empfindet.

Ein solches Unruhemoment ist "Die dritte Generation."; ein Feyerabend für die Gemütlichkeit, die sich beim Gedanken an Terrorismus, Staat, Kapital, Mescalero und manche Verlautbarungen "Im Namen des Volkes" in Abscheu, Entrüstung, Trauer, Verständnis, Aggression und Mordlust, je nach Couleur antipodisch, einstellt. "Die dritte Generation" (wie schon Fassbinders herausragender Beitrag in "Deutschland im Herbst") stellt sich quer zu solchen Erwartungen dieser oder jener Seite. Ein Film, der weder "für den Staat noch für die Terroristen" ist (Fassbinder), weder larmoyant noch heroistisch, der, als Gedankenspiel, das verschwiegene Zusammenspiel der öffentlichen Gegner als geheime Kumpanei behauptet: der verstößt gegen Tabus, gegen klammheimliche sowohl wie offiziöse Freudenbekundungen, gegen das Gespräch über Bäume, das den Wald nicht mehr in den Blickwinkel bekommt und deshalb das Verschweigen so vieler Untaten mit einschließt.
Was da gegenwärtig in der doppelten Behauptung der gegenwärtigen Utopielosigkeit beginnt – mit einem Blick auf den beauftragten Selbstmord in Bressons "Le diable probablement" und über das winterliche Berlin, über dessen grauen Himmel ein (Observations-?) Hubschrauber fliegt – , das endet in der grotesken Inszenierung eines planvollen Chaos, dessen Opfer die Täter und dessen Täter die Opfer sind.

Bis zu dem Augenblick, in dem der karnevalistisch entführte Computervertreter sich grinsend als "Gefangener für das Volk und durch das Volk" per Video an die Öffentlichkeit wendet – Eddie Constantine gibt ihm die Visage eines lauernd-souveränen Reptils – , hat Fassbinder "eine Komödie in 6 Teilen" inszeniert, "um Gesellschaftsspiele voll Spannung, Erregung und Logik, Grausamkeit und Wahnsinn, ähnlich den Märchen, die man Kindern erzählt, ihr Leben zum Tod ertragen zu helfen".

Was dieser Vorspann-Titel in einer Mischung aus Bonhomie, Marktschreiern und Sentiment verspricht, hält der Film über weite Strecken; hält er vor allem in einem Schwebezustand, der jeglichen Ansatz zum Melodrama, dem Fassbinder so zuneigt, vereist; und er hetzt eine Gruppe von bürgerlichen jungen Leuten in "das letzte große Abenteuer der Menschheit" wie in einem olympischen Stafettenlauf, bei dem einer nach dem anderen auf der Strecke bleibt. Von politischer Motivation, von Phantasie, Intelligenz und Ideologie – ist keine Spur bei den "Terroristen": Spuren dagegen von Frustration, geiler Revolutionsromantik, hysterischem Indianerspiel, Apathie und kindischer Unempfindlichkeit. Was Fassbinder als seine Terroristen zusammenkehrt, ist der Bodensatz einer anarchisch aufgebrochenen, utopisch entflammten ersten Generation, der alle Hoffnungen, zwei Generationen später, längst flöten gegangen sind (ohne daß sie es bemerkt hätte.) Als letzter Gesellschafter sitzt ihr das Nichts gegenüber – ideale Werkzeuge, die unwissend und kopflos die Interessen anderer verfolgen und befördern. Wie ein Weberschiffchen flitzt zwischen ihnen und dem Kapitalisten der Verräter August (Volker Spengler) hin und her; er webt das Netz, in dem sich die großen und kleinen hypochondrischen Verschwörer verfangen. Dostojewskis düstere "Dämonen" – hier sind sie nur noch Modepuppen mit Modetorheiten, Satyrspiel einer Epoche, Kehraus.

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