Die Alleinseglerin

Die Alleinseglerin

DDR 1986/1987, Spielfilm

Vorbeigesegelt


Rosemarie Rehahn, Wochenpost, Berlin/DDR, 17. 7.1987


Der Kurzroman, dem der Film nachgestaltet ist, erzählt die Ich-Geschichte von der jungen Frau und dem Segelboot der Luxusklasse, das als ziemlich ramponiertes väterliches Erbstück über sie kommt und so ganz und gar nicht hineinpaßt in das Leben einer alleinstehenden werktätigen Kleinkindsmutter mittlerer Gehaltsstufe, erzählt diese Geschichte aus dem klärenden Abstand der Jahre. Aus neuem Selbstgefühl. Ein Blick zurück – über das väterliche Boot den versunknen Vater entdeckend, aufdeckend die eigne Verwurzelung in diesem Land.

Der Film hebt das Damals-Ich der Romanheldin ins unmittelbare Jetzt. Kein Verwobensein mit dem Woher, kein Verweis aufs Wohin. Eine geradlinige, eine begradigte Sache findet statt. Da ist die junge Frau, da ist das alte Boot. Die Filmheldin nimmt den Kampf mit dem Drachen (so die Bootsklasse), um den Drachen auf. Mit wachsender Hingabe, mit steigender Verbissenheit. Schabt und schleift und pinselt, daß die Finger bluten – und Herz und Gemüt dazu. Denn bei den Wochenenden in Drachendiensten, bei der abendlichen Hetze durch Heimwerker- und Freizeitläden bleibt keine Zeit für Heim und Liebe, keine Zeit fürs Berufliche, die Forschungsarbeit im Institut – eine Zeit für das Kind.

Dafür dann in den Stunden des Sommers das Glückserlebnis: Segeln? Der Triumph: Jetzt dient der Drachen? Von wegen. Das Segel reißt, oder, Schluß-Sequenz: Die Fahrt endet auf einer Sandbank.

Doch die Heldin auf dem gekenterten Boot – lacht. Lacht? Möglicherweise angestrebtes Bild: Siegreiche Verliererin. Sie ist ein Stück allein gesegelt, immerhin, und sie hat begriffen, sie kann"s nicht auf die Dauer, auf Lebensdauer kann sie"s nicht, allein – nicht zu Wasser und nicht zu Lande. (…)


So wie diese Christine angelegt ist in ihrer bescheidenen Idee von sich selbst, möchte man nicht aufgefordert sein, ihre Tränchen mitzuweinen, ihre Liebesbeziehungen mitzuleiden, ihr Scheitern im (klamottig konterfeiten) Institut zu beklagen. Viel eher möchte man sich lächelnd mit und über Christine verständigen.

Der Film hat seine erfrischenden Stellen, wenn er mit flottem Zungenschlag Alltagsbeobachtungen liefert oder weibliches Miteinander zeigt. Ich meine nicht gerade den verregneten Weihnachtsabend, aber Szenen wie die im Straßencafé, wenn Christine und Freundin Veronika die männliche Passantenschar taxieren: "Also was so an Männern rumläuft!" Und kommen endlich zwei ansehnliche Typen, bleibt, wie unschwer zu erkennen ist, für weibliche Bemühung wenig Spielraum. Oder wenn die Freundinnen sich ihr Wochenende mitteilen. Die eine: "Sechs Seiten Konzeption." Die andere: "Zwei Seiten, ein Mann."

Das ist in hübscher DEFA-Tradition gefertigt, erinnert an Jutta Hoffmann/Barbara Dittus in "Der Dritte", an Renate Krössner/Katrin Sass in "Bis daß der Tod euch scheidet".

Jetzt also Christina Powileit/Johanna Schall. Der Einfall des Regisseurs, die Titelrolle mit der Drummerin der beliebten Gruppe "Mona Lise" zu besetzen, wird sich hoffentlich in den Besucherzahlen niederschlagen. Die Laiendarstellerin belebt das etwas kärgliche Charakterbild der Heldin mit Attraktivität und Einfühlungsgabe. Bemerkenswert, wie Johanna Schall mit eigenartigem intellektuellem Charme aus den vagen Umrissen der Veronika eine Frauenstudie formt. (…)

In der bei Herrmann Zschoche ungewohnt stimmungslosen Regie spiegelt sich, wie mir scheint, die insgesamt unentschlossene Behandlung des Sujets wider.