Der zehnte Sommer

Der zehnte Sommer

Deutschland 2002/2003, Spielfilm

Der zehnte Sommer


Rolf-Rüdiger Hamacher, film-dienst, Nr. 18, 26.08.2003

Dülken, eine Kleinstadt am Niederrhein, im Sommer 1960 : Glücklich fährt das Geburtstagskind Kalli mit einem nagelneuen Roller durch die Siedlung. Mit seiner goldenen Pappkrone und dem roten Umhang träumt er sich in die Rolle des „König Kalli“ hinein, der huldvoll die Glückwünsche seines Volkes entgegennimmt. Denn er ist nicht nur ein weiser, sondern auch ein schöner Herrscher. Doch wenn er dann, weil es so schön knallt, Steine gegen die Fensterläden des Pfarrhauses wirft, ist er wieder ganz der neunjährige Bub, der sich auf die Sommerferien freut, die vor ihm und seinen Freunden Polli und Walter liegen.

Vor allem auch, weil er sich mächtig in die Nachbarstochter Franzi verliebt hat, was deren hysterischer Mutter mehr als ein Dorn im Auge ist. Aber auch zu Hause ist nicht alles eitel Sonnenschein. Kallis schwerverletzt aus dem Krieg heimgekehrter Vater schlägt sich als Versicherungsvertreter mehr schlecht denn recht durchs Leben und muss sogar um seinen Job bangen, als er sich zu einem dubiosen Geschäft überreden lässt. Als auch noch der Plan der vier Freunde, einen Ferien-Zoo zu gründen, an der Erkrankung ihrer Hauptattraktion, einer Meerkatze, zu scheitern droht, ist guter Rat teuer. Dass Hilfe ausgerechnet von der in der Siedlung „verrufenen“ Frau Hilfers und ihren beiden Töchtern kommt, macht die Sache noch komplizierter, zumal Kallis Mutter ihm strikt verboten hat, das Nachbarhaus zu betreten. Doch kann ein König tatenlos zusehen, wenn es in seinem Reich brennt? Also warnt er die „drei Hexen“, als aus ihrem Fenster Rauch aufsteigt, und ist fortan ihr mit Kuchen verwöhnter „Gefangener“. Als Frau Hilfers auch noch nachts das Äffchen Kappu beherbergt und Kallis Vater finanziell aus der Patsche hilft, ist die Freundschaft nicht mehr zu torpedieren.

Dieter Bongartz hat seinen dem Film zugrundeliegenden Roman selbst für die Leinwand bearbeitet und die Inszenierung einem Regisseur anvertraut, der mit „Krücke“ (fd 30 773) schon einmal bewies, dass er stimmungsvolle Zeitpanoramen und berührende Charaktere entwerfen kann. So dürfte „Der zehnte Sommer“ nicht nur griffige Identifikationsmuster für Kinder im gleichen Alter wie die kleinen Hauptdarsteller abgeben, sondern auch für viele Erwachsene zu einer nostalgischen Reise in jene Jahre werden, als das Wirtschaftswunder in Gang kam. Bongartz und Grünler skizzieren dies in knappen, präzisen Strichen, wobei sie die Sprache nicht an einen modischen Umgangston verraten und auch keine aufgesetzten optischen Effekte suchen. Der Humor entwickelt sich meist aus den lakonischen „off-Gedanken“ Kallis und aus manch hübschem Dialog.

Selbst wenn Kalli seine Nachbarn zum wiederholten Mal mit „Guten Tag, Frau Hilfers und ihre Töchter“ anspricht, nutzt sich dieser Witz nicht ab, weil der junge Martin Stührk in seiner lakonischen Art immer den Punkt trifft. Sein uneitles Spiel hilft dem Film über manche dramaturgische Schwachstelle, die sich im zweiten Teil häufen und in ein verkorkstes Finale münden. Der Höhepunkt, auf den die Kinder die ganze Zeit hinarbeiten, wird in einer einzigen Minute abgehandelt, als wäre der Produktion plötzlich das Geld ausgegangen: eine der lieblosesten Zirkusszenen, die man je im Kino gesehen hat.

Doch auch einige der von Buch und Regie vernachlässigten Nebendarsteller erweisen sich als Sand im dramaturgischen Getriebe: David Kötter, Frau Hilfers und Kallis Schwester entwickeln in ihren Rollen kein Profil; Franzis Mutter muss als strenge Erziehungsberechtigte zu viele Klischees erfüllen, und Pino Servino-Geysen lässt wenig schauspielerisches Talent erkennen. Während Katharina Böhm und Kai Wiesinger mit unaufdringlicher Routine ihre Aufgaben erfüllen, bringt der ungarische Star Erika Maroszán ein wenig Erotik in die spießbürgerliche Atmosphäre, die man sich noch ein wenig frecher gewünscht hätte.

So bleibt es letztlich der kleinen Michelle Barthel vorbehalten, das schauspielerische Gegengewicht zu Martin Stührk zu bilden, die mit ihren ersten „Liebesbanden“ der Geschichte für Momente eine Poesie verleihen, die sich sogar am Himmel widerspiegelt: Als Kalli sich beglückt von Franzis Einverständnis ins Gras fallen lässt, „küssen“ sich über ihm zwei Wolken.