Das Brot des Bäckers

Das Brot des Bäckers

BR Deutschland 1976, Spielfilm

Das Brot des Bäckers


H.G.P., film-dienst, Nr. 6, 15.03.1977

"Was richtig ist, zeigt sich erst in der Praxis", heißt es am Ende dieses Films, der die Geschichte eines Lehrlings erzählt und in seinem konkreten Beharren auf die Praxis den mehr von theoretischen Positionen ausgehenden Arbeiten mit vergleichbaren Themen überlegen ist. Im Mittelpunkt steht ein Lehrling, der bei einem Bäckermeister, einem Handwerker alten Schlags, seine Ausbildung beginnt. Werner lernt freilich nicht nur backen, er muß auch erfahren, wie die Mechanisierung ein Handwerk langsam auszehrt und zerstört, wie neue Fertigungs- und Verkaufsmethoden den geschäftlichen Erfolg bedingen und, so sagt auch ein Genossenschaftsvertreter, wie handwerkliches Können "nicht mehr reicht". Georg, der Meister, gerät in den Sog der automatischen Fertigung, baut seine alte Backstube um und kommt dennoch gegen den neuen Supermarkt nicht an; in ohnmächtiger Wut bricht er am Ende in den Supermarkt ein und haust wie ein Vandale unter dem plastikverpackten, synthetisch wirkenden Brot. Werner scheint dadurch etwas gelernt zu haben: er verläßt seine neue Stelle in einer vollautomatischen Großbäckerei, um seinem ehemaligen Meister zu helfen.

Das mag alles sehr theoretisch klingen, doch der Film ist voll von konkretem Leben, der Unterschied zwischen dem Brot des Bäckers und dem des Supermarktes wird so sinnlich erfahrbar, daß man schwören möchte, nie mehr dieses synthetische Zeug zu kaufen. Gleichzeitig auch wird das unterschiedliche Verhältnis zur Arbeit erfahrbar, das nicht-entfremdete in der alten Bäckerei und die monotone Einsamkeit an den großen Automaten, an den "Brotstraßen", die in ihrer Perfektion der Anpassung menschlicher Tätigkeit ebenso lächerlich wie trostlos wirken.

Autor und Regisseur Erwin Keusch, selbst ein Bäckersohn, hat seine Figuren ganz voll und rund geschildert, belastet auch mit Geschichten und Problemen, die eigentlich außerhalb der eigentlichen Story stehen, aber dennoch auf sie einwirken: Werners Verhältnis zu den Mädchen – auch da deuten sich soziale Barrieren an – , oder der Sohn des Bäckers, der immer die richtige Theorie parat hat, die in der Praxis sich jedoch jeder Anwendung widersetzt. Das sind Momente, die diesem Film seinen klug durchdachten inhaltlichen Reichtum verleihen. Schließlich kommt noch eine derart konkrete Kenntnis der handwerklichen Details aus der Backstube hinzu, die, natürlich auf anderer Ebene, an die sinnlichen Qualitäten der Arbeiten von John Ford und anderer erinnert. Hier ist wirklich ein hervorragender Debütfilm gelungen.