Seitensprung

Seitensprung

DDR 1979/1980, Spielfilm

Die Summe machts…


Günter Agde, Filmspiegel, Nr. 6, 1980


Wieder ein Film über das Zusammenleben von Menschen in unserem Land, eine neue Facette zu den anderen DEFA-Beiträgen vergleichbarer Thematik in den letzten Jahren. So wird Kontinuität durch Produktion gebaut. Sie gewinnt freilich nur insoweit wirklichen Wert, wie jener Thematik nicht schlechthin nur eine neue Seite oder Sicht hinzugefügt wird, sondern zugleich die jeweiligen Beitrage in produktiver Weise mit der sich entwickelnden Realität polemisieren, also die nationale Filmproduktion in kräftigen, wechselvollen Dialog mit den Zuschauern tritt und sich darin weiterbewegt. Solch lebendiger Prozeß erst bringt eine wirkliche Bereicherung unseres Kunstlebens zustande. Den kräftigsten Akzent der letzten Zeit in dieser Richtung setzte wohl Carow/Rückers "Bis daß der Tod euch scheidet…" durch seine Rigorosität und Leidenschaftlichkeit. "Seitensprung" ist vergleichsweise ein leiser, zurückhaltender, aber nicht weniger polemischer Film. Weil er Kinder handlungsbestimmend einbezieht. Weil er die durchgesetzte Gleichberechtigung der Frau auf mürbe, kritische Momente befragt. Das macht er unaufwendig, beinahe nebenbei, indem er die Differenziertheit der Figuren, die aus ihrer Widersprüchlichkeit herrührt, im wechselnden Licht von Kritik und Sympathie, von Zustimmung und Ablehnung, von Verurteilung und Bejahen zeigt. (Natürlich – und das ist ein Ergebnis unter anderem jener Kontinuität – wird keine Figur je ganz aufgegeben und damit dem Zuschauer entrückt, weder im Positiven noch im Kritisierenswerten.) Balance wird nicht angestrebt und wäre auch ganz unangebracht. Die Summe macht"s, und sie und ihre Bestandteile im Dialog mit dem Zuschauer. Dieses Geflecht an Aufforderungen zum Beteiligen bewirkt auch, daß jede Fabelerzählung immer nur die dürre Mathematik der Geschichte erfassen kann, und das eben ist zu wenig. Was besagt schon, daß ein Mann (Uwe Zerbe), seit Jahren verheiratet, eine lange Beziehung zu einer anderen Frau (Renate Reinecke) unterhielt, mit der er auch ein Kind hat? Daß – durch den plötzlichen Tod dieser Frau – nun dies Kind zu ihm in die Familie will, und die Ehefrau (Renate Geißler) – den mehrjährigen Seitensprung nun möglicherweise ständig vor Augen – dies rigoros ablehnt?! Daß man schließlich ein Arrangement zu finden scheint, das wesentlich durch den Einsatz des Mannes und die Einsicht der Ehefrau (alles sehr rationale Faktoren!) zustandekommen kann?

Ich sympathisiere – trotz mancher Einwände – mit dem Film, weil er bescheiden, aber nachdrücklich seine Fragen stellt, die im Prozeß unseres Lebens – wie man so schön sagt – herangereift sind, weil er den Zuschauer auffordert und zuweilen gar zwingt, seine jeweils eigene Antwort zu suchen (und sie ihm nicht liefert!). Und weil der Film zudem handwerklich angenehm ausgewogen, weitgehend stilsicher gemacht ist. Jeweils ein halbes Debüt – für Autorin Regina Weicker ist dies nach dem erfolgreichen Theatertext "Die Ausgezeichneten" ihre erste Filmarbeit, für Regisseurin Evelyn Schmidt ist dies nach dem Fernsehfilm "Lasset die Kindlein" ihr erster Kinofilm. Man wird neugierig auf Weiteres von beiden.