Hälfte des Lebens

Hälfte des Lebens

DDR 1984/1985, Spielfilm

Hälfte des Lebens


Fred Gehler, Sonntag, Berlin/DDR, Nr. 19, 1985


Filme über die vita eines Dichters waren schon immer ein problematisches Unterfangen. Die Suggestion von Sprache und Poesie des Wortes ist im filmischen Medium nur begrenzt transponierbar, das Phänomen dichterischer Eigenart verschließt und versperrt sich einer visuellen Interpretation. Hinzu kommt ein anderer Aspekt: Noch stärker als sonst tritt bei solchen Filmen der Wunsch oder die Forderung nach Totalität auf den Plan. Der "ganze" Dichter soll es sein. Ein komplexer Hölderlin folglich, in all seinen Konflikten und Widersprüchen. Sein individuelles Scheitern vor dem totalen Hintergrund der Miserabilität deutscher Geschichte. In die Schar der Kinozuschauer tritt ausnahmsweise der Betrachter mit literaturwissenschaftlicher Ambition oder literarischer Bildung ein. Auch er möchte "seinen" Friedrich Hölderlin wiederfinden. Und wehe, er findet ihn nicht! Christa Kożik und Herrmann Zschoche haben sich also von vornherein zwischen die Stühle gesetzt; denn ein Kinofilm über Hölderlin – so er nicht eine Absagerklärung an das soziologisch ermittelte Kinopublikum formulieren, also den Fehdehandschuh werfen will – kann einen "ganzen Hölderlin" (was und wer immer dies auch ist) schwerlich ins Kalkül fassen. (…) In "Hälfte des Lebens" ist sehr wohl eine Problematik transparent geworden, die auch für heute angenommen werden kann. Es wird die Situation eines Mannes erkennbar, der an der Wirklichkeit sich wundreibt, dessen gesellschaftliche und private Ideale immer wieder an Grenzen geraten. Es ist ein Mensch mit einem großen Lebenstraum, mit einer weitgreifenden Utopie. Die Misere holt ihn ein, ohne seinen Traum beschädigen zu können, ohne seine Utopie negieren zu können. Sie bleibt, während sich die Autenriethsche Maske über den Mann Hölderlin legt und er seiner Turmexistenz entgegengeht. "Es liegt auf der Hand, daß er anders geartet war als die anderen", so der französische Hölderlin-Spezialist Pierre Bertaux, "als die meisten Menschen, als die, die sich für die Norm halten, weil sie die statistische Norm darstellen, die den, der von der Norm abweicht, als krank abtun."


Dieser Notschrei Hölderlins, diese seine Klage aus der Einsamkeit sind für mich zweifellos Film geworden. Hölderlins große Liebe zu Susette Gontard und ihr resignatives Ende reflektieren sein unauflösliches existentielles Dilemma. Ein Liebesroman, der weder peripher noch zufällig war. Ihn zum Grundsujet zu machen, ist zudem eine filmgemäße Entscheidung. Es ist eine Entscheidung auch für "vertraute" Strukturen und Details. Assoziiert wird Triviales, Banales, das Melodram vom Dreieck, das "konventionell-ewige" Geflecht von Gefühlen. Es formt sich sicherlich ein reduzierter Hölderlin, aber primär ein faßlicher, ein nacherlebbarer. Mir scheint dies nicht wenig zu sein.

Hölderlin nicht als Gegenstand für ein intellektuell-analytisches, ein experimentelles oder avantgardistisches Filmwerk? Man befreie sich von einer solchen zwanghaften Vorstellung. Weshalb nicht die Erinnerung an Hölderlin über ein unterhaltendes Melodram schaffen?

Das Ja dazu wird erleichtert durch filmhandwerkliche Solidität; wird befördert durch das sensible Spiel von Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe (eine sehr präzise Studie von Zerbrechlichkeit und Gefährdung), durch die Balance zwischen Direktheit und Andeutung. Ein Film, der so funktioniert, wie er gemeint und gedreht wurde. Das verdient kritische Sympathie.