Ärztinnen

Ärztinnen

DDR 1983/1984, Spielfilm

Bunt gerahmte Attacke



Günter Agde, Filmspiegel, Nr. 3, 1984


Mit diesem Film eröffnete die DEFA das neue Kinojahr, und sie öffnete zugleich dem Zuschauer ein Fenster, damit er einen Blick in die sogenannte große, weite, freie Welt tue. Da wird optisch-filmisch nichts ausgelassen: großräumige Panoramen, stimmige Interieurs. Schwelgen in Szenerien und Buntheiten. Farbpostkarten aus dem Leben der westdeutschen high society.

Damit rahmt der produktive Regisseur Horst Seemann eine Geschichte, die der streitbare westdeutsche Moralist Rolf Hochhuth als Theaterstück gestaltete. Nimmt man die story pur, so erlebt man ein etwas derb zurechtgemachtes Ränkespiel von Schuld .und Verstrickung, von Intrige, Abhängigkeiten, Manipulationen im Ärzte-Milieu. Hochhuth – und mit ihm auch Seemann – attackieren gewissenlose, korrupte Ärzte, die des Geldes wegen sehenden Auges nicht-ausgereifte Medikamente benutzen und damit ohne Scham Pharmazie-Konzernen, aber nicht ihren Patienten dienen. An einem besonderen, schmalen Ausschnitt aus der bundesdeutschen Wirklichkeit verfolgt der Zuschauer somit, wie die spätbürgerliche Gesellschaft ärztliches Ethos zerstört und Menschen zugrunderichtet. Hochhuth zeichnet die Einzelheiten genau und plastisch. Schließlich kennt er sie aus dem Leben in diesem fernen, adrett aussehenden Land genau.

Er baut eine Familiengeschichte: Eine junge, gut aussehende Frau, ihr Sohn und ihre Mutter, der geschiedene Mann, der Liebhaber – eng miteinander verbunden, vom Mißbrauch ihres Ethos" und von finanziellen und personellen Abhängigkeiten verformt, obwohl sie in sogenannten guten Verhältnissen leben und ihre Kleidung, Wohnungen, Autos, Umgangsformen von Stil und Eleganz bestimmt werden. Auf den ersten Blick alles piekfein, sehr edel und schön, auf den zweien kaputt, ohne Ideale und Zukunft, eigentlich arm, weil nur auf schnelles Geld und glänzende Schale gerichtet.

Hochhuth und Seemann folgen nicht einer Enthüllungsdramaturgie, sondern nötigen den Zuschauer, schnell mit beiden Blicken die ganze Handlung zu sehen. Nur so scheint mir auch erklärbar, weshalb die starken kolportagehaften Züge der Handlung (bei der Umformung vom Theaterstück zum Film) nicht gemildert oder verdeckt wurden. In der optischen Opulenz, der Hochglanz-Fotografie attraktiver Ansichten fallen sie nur nicht mehr so auf. So ergibt sich Gesellschaftskritik, die durch ihre gefällig-bunte Verpackung zum Ansehen verführt, und nicht durch Problemschärfe oder -tiefe. Die verhandelte Sache geht uns hierzulande nichts an, ihre Darbietung hingegen mag schon manchem gefallen. (Das berührt nicht die Ehrlichkeit und Redlichkeit der Absichten Hochhuths, nur eben ist seine Zielrichtung eine andere.)

Zu dieser Art Verpackung gehört der allgegenwärtige Glanz der Schauspielerleistungen, allen voran Judy Winter (BRD) und unsere Inge Keller (endlich eine Rolle, die den darstellerischen Qualitäten dieser Künstlerin angemessen ist). Und eigentlich sind auch all die anderen gut – Seemann entwickelt sich immer mehr vom Rollen-Gut-Besetzer zum wirklichen Schauspieler-Führer. Er findet auch zu einem dynamischen finnischen Gesamt-Gefüge, obwohl einige Längen (in den attraktiven Panorama-Ansichten oder bei der eleganten Feier) nicht übersehen werden dürfen. Stilistisch und handwerklich alles gut.

Ein Film also, den man sich durchaus ansehen kann und dessen sich unsere Kinematographie nicht zu schämen braucht, der uns hier und heute freilich kaum Neues oder wirklich Wichtiges übermittelt.