Nitschewo

Nitschewo

Deutschland 2001-2003, Spielfilm

Nitschewo



Stefan Volk, film-dienst, Nr. 24, 25.11.2004

Baumwipfel spiegeln sich auf einer dunklen Wasserfläche. Nichts bewegt sich, und auch die Kamera hält still, rahmt mit einer starren Totale die nächtliche Landschaft zum düsteren Gemälde. Dann flüstert aus dem Off die träumerische Stimme einer jungen Frau: "Fünf Buchstaben, beginnend mit einem L." "Und zwei E", ergänzt eine sanfte Männerstimme. "Und zwei E", bestätigt die Frau. "Und ein I", fügt der Mann hinzu, und die Frau überlegt: "Lei, Li, eine Lilie?" "Hm mh." Ihre Lösung war falsch, also überlegt sie weiter: "Leiche, Wasserleiche!" Wieder falsch. "Nein, die Leier, na die fünf Sterne da, und die helle ist die Wega." "Oh, Mann!" "Hast du gewusst, dass die meisten Sterne längst verloschen sind, obwohl wir ihr Licht noch sehen?" Damit endet der Prolog – was für ein hochtrabender Einstieg! Wer einen Film so beginnt, mit fassbinderischer Künstlichkeit, getaucht in tiefe Melancholie, der legt die ästhetische Messlatte hoch. Doch keineswegs zu hoch, wie es zunächst scheint: Unter Stefan Sarazins eindrücklicher Regie besticht die Lichtführung durch lyrische Intensität; fast keine Einstellung, kein Einzelbild, das sich nicht einrahmen ließe. Liebe- und kunstvoll variieren die herbstlichen Farbtöne zwischen von Licht durchflutetem Sonnengelb und westernstaubigem Hinterweltbraun, zwischen weiten Getreidefeldern und engen Stuben. Nebelschwaden dämpfen das warme Licht, Dunkelheit fällt bleiern auf Land und Leute, Schatten verschlingen Gesichter.

Low-Key für ein "low life" irgendwo in der "Ödnis” entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, wo Sarazin im Jahr 1993 sein Spielfilmdebüt ansiedelt. Der lebensmüde Held hockt auf einem Bürgersteig, als der geistig behinderte Lele mit einer totgefahrenen Katze heranwankt, die er vom Straßenrand aufgesammelt hat. "Nitschewo", das ist das erste Wortspiel, ist ein verlassener Ort zwischen Nirgendwo und Nietzsche, zu dessen Weltsicht Jim sich ebenso hingezogen fühlt wie zum Tod. Sorgsam pflegt er ein Fotoalbum mit Polaroid-Porträts von Verkehrstoten, die er im Austausch gegen Haschisch einem Rettungssanitäter abgehandelt hat. Mit seiner Freundin Elise lebt er seine morbid-romantische Leidenschaft aus, indem er sich beim Sex mit ihr von einem Zug "überfahren" lässt. Jims Lebenshunger verirrt sich zu schwärmerischer Todessehnsucht. Ganz ernst meint er es mit seinem Sterbewunsch freilich nicht: Bevor er sich mit Elise auf die Gleise legt, hat er sich versichert, dass beide auch wirklich unter den Zug passen. Als eine etwas deplatzierte James-Dean-Reinkarnation fügt sich Jim trefflich ins schrullig verzauberte "Nitschewo". Den Schauspielern glaubt man ihre Figuren, soweit die Rollen das zulassen (sollen), und die nostalgisch-schwelgerische Streichmusik untermalt leitmotivisch die traurig-schöne Gestimmtheit. Jetzt fehlt "nur noch" eine gute Geschichte – aber gerade die bleibt aus.


Ohne griffige Story zerfällt die Atmosphäre zur Atmo, und von der ganzen schönen Poesie bleibt nicht mehr als artifizielles Dekor. Gewiss, ein bisschen passiert schon, doch das ist unglaubhaft und schnell erzählt. Lele kommt, gerade als Jim in seinem Auto heranrast, unvermittelt auf die Idee, sich mitten auf die Straße zu setzen. Warum auch immer. Die verrückte Idee eines geistig Behinderten? Dramaturgisch wichtig ist der tödliche Unfall, weil er Jims Leben verändert. Er hat genug von seinem Todeswahn, verbrennt sein Fotoalbum und freundet sich mit einem mysteriösen Fremden an, einem amerikanischen Drehbuchautor, der angeblich wegen einer Autopanne gestrandet ist. Der zwielichtige Frank, der bei Elises Mutter in Pension gegangen ist, nimmt Jim bei sich auf, nachdem dieser mit seinem Album versehentlich gleich sein ganzes Haus mit angezündet hat. Frank behauptet, den jungen Mann als "Vorlage" für eine Filmfigur nutzen zu wollen; Elise aber zweifelt an den lauteren Absichten des Amerikaners und glaubt, er wolle ihr Jim entfremden, da er selbst ein Auge auf sie geworfen habe. Ein Drama um Liebe und Eifersucht kann man das, was folgt, nicht nennen, zu träge und emotionslos schleppt sich die künstlich konstruierte Geschichte dahin. Die Auflösung steckt schließlich im nächsten Wortspiel: Jim heißt nicht wirklich Jim, sondern nennt sich nur so nach seinem Idol Jim Morrison, und Frank heißt mit Nachname Morris – richtig: Jim ist Morris" Sohn. Doch Jim erfährt das nicht mehr. Er glaubt, Frank und Elise in flagranti zu erwischen, und eilt, ohne eine Erklärung abzuwarten, einem Ende entgegen, das man tragisch nennen könnte, wäre es einem nicht fast schon gleichgültig.