Daniel Brühl über "Good Bye, Lenin!"

Ein ganz normaler Typ

Daniel Brühl über "Good Bye, Lenin!"

Ein Gespräch mit Daniel Brühl über "Good Bye, Lenin!"

Michael Töteberg (Hg.): "Good Bye Lenin!" Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2003.

Wie sind Sie auf das Projekt aufmerksam geworden?


Ich hatte zwei Jahre vor dem Dreh erstmals auf der Berlinale von dem Film gehört, habe mich aber nicht weiter erkundigt, weil es hieß, dass Wolfgang Becker im Osten nach einem Hauptdarsteller sucht. Irgendwann landete das Drehbuch schließlich doch bei mir. Ganz selten hat mich ein Buch so bewegt; ich konnte mich auch sofort in der Rolle des Alex sehen, obwohl ganz viele Sachen nicht meiner Biographie entsprechen. Aber es machte mir keine Angst, dass ich kein Berliner bin, dass ich nicht in der DDR aufgewachsen bin - mir war einfach klar, dass das eine tolle Rolle ist, die mir viel Spaß bereiten würde. Am besten lässt sich Alex beschreiben als Matrose auf einem Boot, das Leck schlägt, und der nun damit beschäftigt ist, ein Loch nach dem anderen zu stopfen. Angesprochen fühlte ich mich auch von der tragischen Komponente der Geschichte. Gleich beim ersten Lesen musste ich am Schluss fürchterlich flennen, weil ich so gerührt war - und das passiert mir nur höchst selten. Es gab ein, zwei Castingrunden, aber Wolfgang hat sich immer bedeckt gehalten. Schließlich kam der Anruf, und kurz darauf ging auch schon die Vorbereitung los. Ich habe mit einem Sprachcoach Berlinerisch trainiert, doch war es wichtig, den Dialekt nur leicht anklingen zu lassen, eine Färbung reinzubringen. Wolfgang hat mich mit Material versorgt, viel Musik, DDR-Musik. Ich fand es wahnsinnig hilfreich, mit Kollegen aus dem Osten spielen zu können, die mir viele meiner neugierigen Fragen, wie das denn damals so war, beantworten konnten. Das war aufschlussreich - sie konnten Dinge erzählen, z.B. atmosphärische, die sich über Geschichtsbücher kaum erschließen. Aber viel wichtiger als der Aspekt, dass es eine Geschichte aus dem Osten ist und ich aus dem Westen komme, war, dass "Good bye, Lenin!" eine hochemotionale Geschichte ist.

Wie würden Sie Alex als Typen beschreiben?

Ich will ja nicht, dass das zu langweilig klingt, aber er ist ein ganz normaler Typ, ein sympathischer, humorvoller, aufgeweckter junger Mann, der in dieser Phase seines Lebens nicht so recht weiß, wohin mit sich, und sich viele Fragen stellt. Das wird im Film nicht genauer thematisiert, aber so muss man ihn sehen. Sehr stark definiert er sich, und das trifft auch auf mich persönlich zu, über die Bindung zu seiner Familie und seine Liebe zu diesen Menschen. Am stärksten zu seiner Mutter, aber auch zu Lara und seiner Schwester. Es gibt für einen Schauspieler kaum eine größere Herausforderung, als normale Typen zu spielen und sie dennoch interessant und spannend zu gestalten. Außerdem finde ich spannend, komische Szenen, wie es sie im Film ja mit Alex und Denis zuhauf gibt, komisch zu machen, ohne sie unbedingt komisch zu spielen: also den Slapstick-Faktor minimal halten, stattdessen ganz normal spielen und die Komik der Situation wirken lassen. Gerade diese Art von Humor steckt stark in dem Drehbuch. Gleichzeitig müssen die dramatischen Gefühlsmomente auch auf dieser Ebene funktionieren. Dann kann man die Figur auch immer leicht schräg spielen, was mir sehr zusagt.

Wie würden Sie Wolfgang Becker als Regisseur beschreiben?

Ich bin wahnsinnig gut mit ihm klargekommen. Er hat mir Freiheiten als Schauspieler gelassen, mich nie in eine bestimmte Richtung gedrängt. Und das ist ein großes Kompliment, denn der Dreh war sehr anstrengend und ich bisweilen richtiggehend gerädert. Trotz aller Strenge und Genauigkeit, die er besitzt - er hat mir die Rolle von Anfang an zugetraut, was ich auch gespürt habe. Er hat mir vertraut und ich ihm. Das war toll.

Können Sie zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen, was "Good bye, Lenin!" Ihnen bedeutet?

Das ist definitiv eine meiner wichtigsten Arbeiten. Ich gehöre ja zu den Schauspielern, die gerne auch an kleineren Filmen arbeiten - mir geht es primär um die Qualität. "Good bye, Lenin!" ist ein großer Film, in jedem Sinn. Das ist ein ganz neues Format für mich. Gemeinsam mit "Nichts bereuen" und "Das weiße Rauschen« ist "Good bye, Lenin!" in jedem Fall mein Lieblingsfilm.

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