Jakob der Lügner

Jakob der Lügner

DDR 1974, Spielfilm

Über die Historie hinaus "BZ"-Gespräch mit Jurek Becker


Berliner Zeitung, Berlin/DDR, 20.12.1974


Wie würden Sie das Genre Ihres Films "Jakob der Lügner" bezeichnen?

Beabsichtigt war, eine tragische Komödie zu machen. Ich hoffe sehr, daß es nicht beim Vorhaben geblieben und daß die Absicht am fertigen Film ablesbar ist.

Den äußeren Rahmen der Handlung bildet ein jüdisches Ghetto während des zweiten Weltkrieges. Glauben Sie, daß eine komödienhafte Erzählweise der Darstellung solcher Fakten und Vorgänge wie Judenverfolgung, Erniedrigung von Menschen oder gar ihre physische Vernichtung angemessen ist?

Ja. Ich behaupte gewiß nicht, daß es sich hierbei um die einzig adäquate Erzählweise handelt, aber doch um eine denk- und vertretbare. Es gibt keinen Gegenstand, keinen Bereich des Lebens, vermute ich, für den die Komödie sich von vornherein als Erzählmöglichkeit verbietet. Dies hat nichts mit Verharmlosung zu tun, ebensowenig mit Pietätlosigkeit.

Ein Irrtum wäre es, zu glauben, die Lebensumstände, die einer komödienhaften Geschichte zugrunde liegen, müßten von sich aus spaßig sein, sozusagen ihrem Wesen nach. Bei einem Ghetto beantwortet sich diese Frage ja von selbst. Demnach wird die Komödie nicht durch die gesellschaftliche oder historische Situation von Völkern ermöglicht, sondern durch die Situation von Individuen, durch ihr Verhältnis zu anderen Gestalten der Geschichte.


Entsprach die Umsetzung des Drehbuchs durch Regisseur Frank Beyer in jedem Punkt Ihren Vorstellungen und Erwartungen?

Auf keinen Fall. Wenn es so wäre, wenn ein Regisseur also nichts anderes tun würde, als dem Erwartungsstandard eines Autors zu entsprechen, dann wäre er im Grunde eine überflüssige Erscheinung. Dann sähe ich keinen vernünftigen Grund, warum der Autor sich seinen Film nicht selber drehen sollte.

Selbstverständlich hat Frank Beyer in erster Linie seine Vorstellungen von einer Geschichte und von Film realisiert, nicht meine. Andererseits kannten wir uns schon vorher und waren einigermaßen darüber informiert, wo unsere Vorstellungen übereinstimmten und wo sie voneinander abwichen. Wir hielten das Maß an Übereinstimmung für so ermutigend, daß wir Lust auf eine gemeinsame Arbeit hatten. Dennoch kann von einer restlosen Kongruenz unserer Absichten keine Rede sein, und das ist nicht bedauerlich, sondern ganz in Ordnung.

Gab es auch während der Dreharbeiten Konsultationen zwischen Ihnen?

O ja, recht viele sogar. In der Regel hat Frank Beyer diese Konsultationen dazu genutzt, seine eigenen Auffassungen auf demokratische Art und Weise durchzusetzen. Glauben Sie aber bitte nicht, daß ich mich darüber beklage. Denn ich befürworte durchaus die Arbeitsteilung, wonach ein Buch in erster Linie die Angelegenheit eines Autors ist und die Regie in erster Linie Sache des Regisseurs. (…)