Engelchen

Engelchen

Deutschland 1995/1996, Spielfilm

Engelchen


Josef Lederle, film-dienst, Nr. 20, 30.09.1997

Wenn in Wim Wenders "Himmel über Berlin" (fd 26 452) die Kamera in der Eingangssequenz schwerelos über Straßen und Hinterhöfe schweift, trifft sie auf Elend und Not. Den Augen und Ohren Damiels öffnet sich die ganze Mühsal menschlichen Daseins, an der er als Engel zwar tröstend teilhaben, die er aber nicht ändern kann. Trotzdem sehnt sich die mythische Gestalt nach der Schwere des Irdischen, nach einem Gefühl wie dem, abends die viel zu engen Schuhe auszuziehen. Sein Lob der Endlichkeit - bei Wenders lyrisch-poetisch gefärbt - könnte Helke Misselwitz Engelchen nur in den seltensten Momenten nachvollziehen. Nahe dem Berliner S-Bahnhof Ostkreuz lebt die junge Frau mit Namen Ramona in einem heruntergekommenen Altbau. Tagsüber geht sie einer stupiden Arbeit in einer Kosmetikfirma nach, abends putzt sie ihre schlichte Wohnung oder beobachtet am Fenster das Treiben der Nachbarn - eine einsame, graue Existenz Anfang 30, die sich am liebsten eine Plastikpellerine über die altmodischen Kleider stülpt und durch herbstlichen Nieselregen stapft. Kaltes Wasser hilft auch gegen die innere Unruhe, die sie in der Art von epileptischen Anfällen in Momenten großer seelischer Not zu Boden zwingt. In ihre eintönige Leere platzt Andrzej, ein junger Pole, der von Freitag bis Sonntag in Deutschland geschmuggelte Zigaretten verhökert. Auf der Bahnsteigtreppe reißt er die verdutzte Frau an sich und drückt ihr einen Kuß auf die Lippen, um einer Polizeikontrolle zu entgegen. Überrascht und verwirrt denkt Ramona gar nicht daran, sich zu wehren, glaubt vielmehr sogar, ihren Namen gehört zu haben. Zu Hause hält sie es nicht lange aus, sondern läuft zum Bahnhof zurück und freut sich wie ein Kind, als Andrzej sie wiedererkennt und fragt, wie es ihr geht. Ein neuer Ton kehrt in ihr Leben ein, selbst die tristen Wohnräume atmen mehr Sonnenlicht. Behutsam und zögerlich entsteht aus der Zufallsbegegnung zweier Außenseiter eine scheue Wochenendbeziehung. Ramonas Isolation beginnt sich zu lockern, der Blick durch Vorhänge weicht einem offeneren Umgang mit der Umwelt. Als sie schwanger wird, träumt sie von einer gemeinsamen Familie, und auch Andrzej signalisiert, daß er gerne für immer bei ihr bleiben will. Eine Ehe aber sei ausgeschlossen, weil er in Polen bereits verheiratet sei. Nur mühsam kann Ramona den Schock dieser Nachricht dämpfen. Als kurze Zeit später ihre Schwester Lucie wegen Diebstahls verhaftet wird, stürzt sie völlig ab. Im Krankenhaus erleidet sie eine Frühgeburt. Außerstande, mit diesem Verlust umzugehen, wiegt sie eine Puppe in ihren Armen und stiehlt ein fremdes Kind, als Andrzej endlich das Baby sehen will. Der erschwindelten Utopie gewährt Misselwitz einen langen Moment, ein Bild wie aus dem Paradies: in goldener Herbstsonne lagert die junge Familie beim Picknick im Park, Ramona mit dem Brautkranz im Haar, den ihr Andrzejs Mutter in Anerkennung ihres ersten Enkelkindes zukommen ließ. Eine Pressefotografin hält diesen Augenblick fest, der schon zerronnen war, noch ehe er begonnen hatte. Denn dem kleinen Engel, den der Film in den Mittelpunkt rückt, fehlt das "Talent zum Glück", das Vermögen, mit sich und der Welt in Einklang zu sein. Die individuellen Ursachen berührt die eindringliche Studie nur am Rande, wenn sie Ramonas titelgebenden Spitznamen aufdeckt: "Sei ein Engelchen und paß auf deine Schwester auf, sonst bestraft dich der liebe Gott."

Wie die Kindheit dieser Unglücksfigur ausgesehen hat, wird indirekt erschlossen: durch Ramonas Blicke auf ein kleines Mädchen gegenüber, dessen Eltern zwischen Suff und Schlägereien delirieren. Ein Kind ohne Lachen, mit unlösbaren Konflikten und Zumutungen überhäuft, ein Gesicht, in das sich ein Ernst eingegraben hat, der selbst Erwachsene schaudern macht. Doch es geht Helke Misselwitz so weniger um die Genese pathologischer Strukturen, sondern um genaue, hypersensible Beschreibungen des Gegenwärtigen, um die filmische Erkundung von Befindlichkeiten und psychischen Zuständen. Daß dies so eindrucksvoll gelingt, liegt zum einen an der über viele Jahre gereiften Zusammenarbeit mit ihrem Kameramann Thomas Plenert, der dem eigentlich fürs Fernsehen produzierten Film Bilder und Perspektiven abgewinnt, die erst auf der großen Leinwand ihre erdrückende Kraft entfalten. Vor allem aber steht und fällt diese psychische Gratwanderung mit der großartigen Schauspielkunst von Susanne Lothar, die sich auf ihre zerbrechliche Titelfigur mit einer Intensität und Hingabe einläßt, die gelegentlich ans Manische grenzt. Im Gegensatz zu Jennifer Jason Leigh aber hütet sich die deutsche Ausnahmemimin vor exaltierten Posen, sondern läßt Trauer und Verzweiflung nur gebremst, zermürbend langsam und schmerzhaft nach außen dringen, ehe sich die geschundene Seele irgendwann doch in minutenlangen Heulkrämpfen entlädt. Lothars Anverwandlung berührt um so mehr, als sie die extremen Seelen- und Gemütsverfassungen nicht in jene Bereiche abdriften läßt, die man als verrückt oder irre bequem aus dem persönlichen Erfahrungsbereich verbannen kann. Ramona bleibt durch die verinnerlichte Darstellung ein zwar seltsame, aber in gewissem Sinne doch alltägliche Figur mit Ängsten, Phobien und Verletzungen, die im Ansatz jeder kennt und die durch die filmische Gestaltung nur eine extreme Konzentration erfahren. Menschen und Schicksale wie das der zerbrechlichen Frau in ihrem ungewöhnlichen Aufzug bevölkern jede Stadt, auch wenn sie dem eiligen Passanten kaum auffallen. "Engelchen" begibt sich in diese Zonen, die man nicht sieht oder nicht sehen will, und fördert eine schmerzhafte, niederdrückende Wirklichkeit zu Tage, ohne nach Schuldigen zu fahnden. Wenn an einigen Stellen dieses bezwingenden Films doch so etwas wie Distanz entsteht, resultiert dies weniger aus holprigen Szenen als dem Vergewaltigungsversuch oder der Schlußsequenz, in denen dramatische Elemente zu unentschlossen umgesetzt werden. Es ist vielmehr der Eindruck des Pittoresken, der an malerisch maroden Altbauten haftet oder an der Versuchung, Gegenstände und Handlungen symbolisch aufzuladen. So ist der Wellensittich, der mit Andrzejs Bekanntschaft in die Wohnung einzog, tot, als die Mutter ohne Kind nach einigen Tagen aus dem Krankenhaus zurückkommt. Oder wiederholt das kleine Spiegel-Ich von gegenüber genau denselben Zwang, nämlich die Teppichfransen zu kämmen, mit dem Ramona äußerlich Ordnung im inneren Chaos schafft. In der handlungsarmen, ganz auf innere Vorgänge konzentrierten Inszenierung wirkt dies irritierend, ohne dadurch jedoch insgesamt die außergewöhnliche Leistung zu schmälern. Frei nach Brecht sieht man die im Dunkeln nicht nur nicht, sondern tut sich auch schwer, sie ins richtige Licht zu setzen.