Die Blindgänger

Die Blindgänger

Deutschland 2003/2004, Spielfilm

Die Blindgänger


Alexandra Wach, film-dienst, Nr. 22, 28.10.2004

Die Welt der Blinden ist nicht unbedingt ein dankbares Objekt für Spielfilme. Wo sich im Fall von Gehörlosen das Fehlen des Tons im Raum durch Luftschreiben, Mimik und Gestik ersetzen lässt, ist die filmische Darstellung von Blindheit in ihren Mitteln begrenzt. "Blindgänger" (mit dem Deutschen Filmpreis 2004 für den besten Kinder- und Jugendfilm ausgezeichnet) greift nach "Jenseits der Stille" (fd 32 278) und "Stille Liebe" (fd 36 157) erneut das Thema Behinderung auf. Helmut Dziuba, Veteran des DEFA-Kinderfilms, schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Regisseur Bernd Sahling. Ruhig und einfühlsam dringen sie in jenes den meisten unbekannte Terrain absoluter Dunkelheit ein, in dem Bilder und Bedeutungen an natürliche Grenzen stoßen und das Fehlen eines Sinnes, gesellschaftlich und individuell, als Handicap empfunden wird. Sie stellen die ebenso simple wie beunruhigende Frage, wie insbesondere Kinder mit der Last dieser Behinderung in einer Gesellschaft fertig werden, die Makellosigkeit und perfekte Oberflächen zum Maßstab erhebt.

Die sehbehinderte Marie ist 13. Sie lebt in einem Internat für Blinde mit erweiterter Musikausbildung, das in einem ehemaligen Kloster untergebracht ist. Dort kennt sie jeden Winkel und kommt ohne ihren weißen Stock aus. Marie und ihre ebenfalls blinde Freundin Inga sind ganz normale Teenager: Ihre Gedanken kreisen ums Aussehen, um Jungen und Lehrer. Ihr hypertroph entwickelter Gehörsinn hilft ihnen aus mancher brenzligen Situation heraus. Dennoch haben es Marie und Inga nicht leicht. Außerhalb der Geborgenheit des Internats stoßen sie immer wieder auf grausame Jugendliche und Erwachsene, die sich aus mangelnder Sensibilität überzogen fürsorglich zeigen und die Mädchen so ihre Defizite umso mehr spüren lassen.

In diesem bemerkenswert anspruchsvollen Kinderfilm gehen Realität und ungebremste Vitalität eine subtile Verbindung ein. Als eine Schülerband aus der benachbarten Plattensiedlung Verstärkung für einen Fernsehwettbewerb braucht, versuchen die Freundinnen ihr Glück außerhalb des bewährten Schutzraums. Doch die "Guckis", wie sie die Sehenden titulieren, sind von ihrer Blindheit irritiert und winken ab – nicht zuletzt, weil sie auf optische Attraktivität bedacht sind. Das klingt bitterer als der Film tatsächlich ist, weil er auf die Konfrontationen mit der Außenwelt durchaus mit einem lakonischen Humor blickt und dabei einen entwaffnend selbstironischen Charme entwickelt. Die Blinden sind nicht so schwach wie sie erscheinen, es sind Menschen wie alle anderen auch, ausgestattet mit Intelligenz, Sprachwitz und zahlreichen Macken. Vor allem Ricarda Ramünke schafft es, als Marie ihrer Schüchternheit eine frühreife Note abzugewinnen, sich von ihrer Sehnsucht treiben zu lassen und doch die Geschichte immer wieder voran zu bringen. Aber auch Dominique Horwitz als verständnisvoller, fordernder und fördernder Betreuer ist als erwachsener Gegenpart perfekt besetzt. Eines Nachts lernt Marie auf dem Schulhof den jungen Russlanddeutschen Herbert kennen, der sich mit Diebstählen und harten Fäusten durchschlägt. In ihm findet sie einen Freund, der sie ernst nimmt und ihre Eigenart akzeptiert; vielleicht weil er selbst weiß, was es bedeutet, nur ein geduldeter Außenseiter zu sein. Die beiden Mädchen verstecken Herbert vor der Polizei in der Sternwarte ihres Heims und treten als Trio auf der Straße auf, um Geld für seine Rückkehr nach Kasachstan zu sammeln. Herbert fühlt sich in Deutschland fremd und zieht desillusioniert die Armut in der Heimat der deutschen Gefühlskälte vor. So finden die drei trotz sprachlicher Verständigungsprobleme über die gemeinsame Liebe zur Musik für kurze Zeit zueinander.

Was den Film so wahrhaftig macht, ist der Umstand, dass er kein Mitleid schindet. Die Hauptrollen sind mit blinden Akteuren besetzt sind und nicht mit geschniegelten Designer-Darstellern, was auch für die Rolle von Herbert gilt, der von einem Russlanddeutschen mit ähnlicher Biografie gespielt wird. Es geht um Kinder, die in ihrer hürdenreichen Wirklichkeit Fuß gefasst haben und sich zur Wehr setzen. So gehört "Blindgänger" zu den seltenen anspruchsvollen Kinderfilmen, die einen bewegen, ohne dass auf der Leinwand zu viele Tränen vergossen werden. Es mag einige allzu glatte Wendungen in der Geschichte geben, aber Sahling inszeniert sie mit einem hellwachen Blick für den Mikrokosmos seiner Figuren. Gerade dieses stete Ausbalancieren der schwankenden Gefühle macht den Film sympathisch: das Hin und Her zwischen Trotz und Melancholie, Neugier und Lebensfurcht. Erst ganz zum Schluss nimmt sich die Kamera Zeit für einen letzten langen Blick auf eine zugeschneite Autobahn. Es ist die Sicht, die Marie verwehrt bleibt, und doch sieht man sie aus dem Fenster der Sternwarte Ausschau (nach Herbert) halten. Eine Totale, die ein Abschied ist – und ein Blick in die Zukunft.