Staub

Staub

Deutschland / Schweiz 2006/2007, Dokumentarfilm

Verwehte Spuren

Daniel Kothenschulte, Frankfurter Rundschau, 21.02.2008

In deutschen Wohnungen kommt es meist nicht ganz dazu, aber auch die Hausfrau ist eine mythologische Figur, sie wegzulassen, wäre - Sexismus hin oder her - unmöglich. Bitomsky stellt einem übereifrigen Exemplar, das den Fernseher aufschraubt, um darin zu putzen, ebenso leidenschaftliche Staubsammlerinnen aus der Kunstwelt gegenüber.

Doch der Blick auf den Staub ist sehr viel weiter gefasst. Wie in seine früheren Filmen sucht Bitomsky nach politischen und militärischen Bezügen. Er findet sie in der zweckgerichteten Staub-Produktion in den USA, um die Haltbarkeit von Kriegsgerät zu testen. Oder den giftigen Reste des zu Staub zerfallenen World Trade Centers.

Wer sich mit Staub abgibt, kann ihn nur umschichten. Ihn aus der Welt zu schaffen ist unmöglich. Diese Sisyphosarbeit hält auch den Film in Gang. Wie leicht könnte er sich darin verzetteln. Davor schützen Bitomskys Sinn für die Schönheiten einer faktischen Fotografie, seine Liebe zum heute im Dokumentarfilm fast vergessenen 35mm-Format und eine Montage, die nichts unter den Teppich kehrt.

Nicht nur der Staub spricht zu uns aus vergangenen Zeiten, auch die ästhetische Qualität dieses Films ist selten geworden. Die klaren Industriebilder, die weißen Böden staubfreier Räume erinnern an die Architekturfotografie eines Lewis Baltz.

Dass es solche Filme heute nur sehr selten gibt, hat auch mit Moden zu tun. Die meisten nichtfiktionalen Filme sind Porträtfilme. Gibt es keine menschlichen Protagonisten, runzeln Fernsehredakteure die Stirn. Geächtet ist heute in der Festivalkultur aber auch der gesprochene Kommentar, egal wie klug er ist. So sind viele Filmemacher gezwungen, Interviewpartner erzählen zu lassen. Wie Alexander Kluge hat Bitomsky ein geradezu autoerotisches Verhältnis zur eigenen Stimme, an deren Wirkungsmacht er glaubt. Bitomsky ist ein Dichter des Kinos.

Er hat sich die Neugier der frühen Filmemacher für die Schönheit des Faktischen bewahrt. Auch wenn es bei ihm immer eine morbide Schönheit ist. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Es gibt keine Religion in diesem Film außer einer cinephilen: So wie Staubpartikel ein Filmbild gleichzeitig beleben und zersetzen, so stellen wir Filmverliebte uns unsere Zeit auf Erden vor. "Staub und Langeweile sind Geschwister", sagt Hartmut Bitomsky. Aber: "Das Kino bringt Licht in die Dunkelheit".