Der Hauptmann von Köpenick

Der Hauptmann von Köpenick

Deutschland 1931, Spielfilm

Der Hauptmann von Köpenick



Hans Feld, Film-Kurier, Nr. 300, 23.12.1931


Es ist ein befreiendes Lachen, das von Stoff, Verpassung, Darstellung ausgeht. Hier wird nicht karikiert und schon gar nicht frisiert. Sondern eine historische Episode als Objekt der Heiterkeit wiedererweckt.

Der alte Geist von anno 09 ist materialisiert. Eine Atmosphäre von unheimlicher Echtheit, von greifbarer, begreifbarer Nähe geht von dieser Ruck-Zuckmayer-Dichtung aus. Ein Gefängnis-Heldenleben blendet auf. Einer, der fast ein viertel Jahrhundert seines Lebens auf Staatskosten hinter Mauern zugebracht hat – und immer nur um ein paar Lappalien – sucht den Weg ins Leben, kann ihn nicht finden, denn der Vorbestrafte muß ständig in die Räder der Maschine geraten, in dieses Getriebe, das ihm ohne Paß keine Arbeit und ohne Arbeit keinen Paß gewährt.

Das Ringen um die Wiedereinreihung als Untertan, der Verzweiflungsstreich zur Erlangung der Auswanderungsmöglichkeit sind die Motive der Tat. Daß mit ihr zugleich ein System durchleuchtet wird, bleibt einer jener im Programm nicht vorherzusehenden Meisterwitze der Weltgeschichte. (...)

Dem Theaterstück ist, mit Recht, die Technik der Kurzbilder-Manier entnommen worden. Sentimentalitäten wurden entfernt, die Striche der kontrastierenden Herrenwelt beibehalten. Dafür gibt es die Erweiterung des Schauplatzes: Reservat des Films, der damit eine ungleich größere Möglichkeit zur Nachschaffung des Milieus hat.

Ein tonfilmischer Höhepunkt: Die Erfassung des Weltechos der Köpenickiade. Zeitungen verschiedenster Richtungen, aller Sprachen: Bilderfolge, übertönt von wachsendem Heiterkeitsausbruch.

Bis zum Schluß, eine Ansicht des Schlosses in ein Vorzimmer überblendet, hinter dessen verschlossenen Türen Wilhelm II., unsichtbar, aber deutlich zu hören, auf die Meldung vom Zwischenfall der Verhaftung des Bürgermeisters reagiert: auch er lacht.

Zur Abblendung ist eine außerordentlich gut erdachte versöhnende Pointe eingesetzt: Voigt in Zivil, endlich Besitzer eines Passes, der vor einem Militär-Detachement herzieht; in gleichem Schritt und Tritt. Kleiner Bürger, der es endlich geschafft hat. Wo die Bühne, auf Wort und Solisten gestellt, dem Schauspieler den Abgang vorbehält, geht der Film vom Zufalls-Erlebnis fort zur Allgemeinsituation. Alles in Ordnung und den Vorkriegsmenschen ein Wohlgefallen.


Richard Oswald, mit Witterung für den Wert einer guten Besetzung, hat die Hauptdarsteller der vorbildlichen Aufführung des Deutschen Theaters übernommen. (...) Darsteller im Ensemble und doch in der vorbehaltlosen Einfachheit überragend, so spielt Max Adalbert den Voigt. Von rührender Einfältigkeit ist dieser Schuster. Einer, den das Leben kaputt gemacht hat; und der doch den leisen Humor, die Güte in den Augenwinkeln nicht verloren hat. Menschen-Leistung, Darsteller-Großkunst noch im kleinsten wird dank der Mechanisierung der Wiedergabe Millionen von Besuchern zugängig gemacht. Der Architekt Franz Schroedter liefert ein Meisterstück. Fülle von Ausschnitten ständig wechselnder Schauplätze ergibt die Kontinuität einer Epoche. Auch im kleinsten Detail wird aus der Andeutung der Eindruck des Ganzen spürbar. (...) Wir lachten, lachten; alle. Und waren hinterher doppelt froh, daß man, während die Heiterkeit entfesselt war, des Lachens Anlaß nicht zu vergessen brauchte.

Ein Stück fürs Volk, ein Stück aus dem Volk ist dies: Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick". Und Adalbert leiht ihm Gestalt und Leben.

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