Anders als die Andern

Anders als die Andern

Deutschland 1918/1919, Spielfilm

Anders als die andern


B. E. Lüthge, Film-Kurier, Nr. 1, 31.5.1919


Die Aufführung vor "geladenem Publikum" war etwas wie eine Sensation. Aus zwei Gründen: erstens des Themas wegen und zweitens – des Publikums wegen. Es ist heikel, über das alles zu schreiben, hat man bisher gesagt. (Vielleicht findet nur ein "anderer" die richtigen Töne.) Wenn man das aber sah, sagte man sich: es ist nicht heikel. Es war eine Ovation. Es wurde zur großen Versammlung der "anderen". Die merkwürdig vielen Frauen, die vermutlich Pikanterien witterten, wurden enttäuscht. In der Minderzahl, wurde man belehrt, daß man das alles nicht einmal amüsant finden dürfe, geschweige denn unnatürlich oder gar verdammenswert. So war die ganze Stimmung also eine höchst – ja, ich weiß nicht, wie ich sagen soll.

Was will der Film? Aufklären – Klarheit bringen, verkündete Dr. Magnus Hirschfeld in den einleitenden Worten, die bestimmt und klar ausgingen und denen Beifall folgte. (Beifall war hier spontan.)

Über die Frage, überhaupt ein solches Thema als Film zu wählen, ist entschieden; man hat es gewählt. Man will also Verständnis erwecken und den weitesten, allerweitesten Kreisen (Film!) sagen: seht her, versteht, laßt gewähren! Chacun à son goût. (Wie bei den Frauen ja stillschweigend.) Das Motiv ist verständlich und nichts dagegen zu sagen.

Hier das dünkt mir mehr. Man ist vom Thema abgewichen. Man hat sich in "Leidenschaft" dazu hinreißen lassen, mehr zu tun, als eben nur erträglich. Man sagte mehr als nur: "Laßt uns in Ruh". Man wirft sich in die Brust: da: der geistreiche Platen, der große Winkelmann, der berühmte Wilde. Sehr, die waren alle so! Solche Leute! (Ein kleiner Schluß: gerade die geistreichsten Leute. Also: Apothese. "Gerade".)

Es ist da eine werbende Geste. Es klingt da etwas wie Propaganda durch. Das verstimmt. (...)

Der Film ist dramaturgisch nicht gelungen, rein als Film. Nur das Thema hält ihn. Die leisen Schwächen von "Prostitution" sind hier vergröbert, zum System gewählt. Man "malt" immerfort. (Beispiel: das endlose Geigenspiel im 1. Akt.) Es geht nichts vor. Das ist im Film zu vermeiden, trotz allem "Literarischem". (Eine noch zu schreibende Filmdramaturgie wird es aufdecken.) Die Technik der Großaufnahmen beherrscht Oswald erstklassig. Wenn auch Veidts Gesichtsausdruck und seine Augen unerhört für den Film sind, auf die Dauer von sechs langen Akten "gewöhnt" man sich daran. Bei der Schlägerei (Spezialität?) stand einer davor. Die Darsteller sind denkbar glücklich gewählt. Reinhold Schünzel, einer unserer allerbesten Filmschauspieler, (Spezialität: Zuhälter, Erpresser, Apache) verblüfft durch Kleinigkeiten, insbesondere durchgeführte Bewegungen, Nuanzen. Er spielt nicht, er lebt. Es geht ein Raunen durch"s Publikum, wenn er erscheint. Veidts Spiel ist milieuecht durchgeführt ("huch nein!"); stieß auf tiefgehendes Verständnis. Anita Berber hat man noch zu sehr von "Prostitution" im Gedächtnis, daß man ihr ihre neue Rolle nicht recht glaubt. Alles übrige war zweckentsprechend besetzt.

Wenn das von den Grenzfällen stimmt, so hätten klassisch-schöne Menschen in dem Film diesen oder jenen nachdenklich stimmen können. Hier nimmt man einen Degoût mit. Und Mitleid, daß das die "anderen" nicht auch sehen.