Anders als die Andern

Anders als die Andern

Deutschland 1918/1919, Spielfilm

Anders als die andern


L. B., Neue Hamburger Zeitung, zit. nach Lichtbild-Bühne, Nr. 36, 6.9.1919


Ein heikler Film. Im Lessing-Theater am Gänsemarkt wird zurzeit ein Film gegeben, der sich "Anders als die Andern" benennt und das Problem der Homosexualität zum Vorwurf hat. Es ist am Freitag dort bei der Erstaufführung zu einem starken Widerspruch des Publikums, ja, zu Empörungskundgebungen gekommen, und da es Pflicht der Presse ist, nach bestem Ermessen und vorsichtiger Abwägung zu der moralischen oder unmoralischen Wirkung einer Darbietung Stellung zu nehmen, wenn das öffentliche Interesse, und sei es durch einen Irrtum der Beteiligten, verletzt erscheint, so sahen wir uns gestern nachmittag den Film einmal ;an, versetzten uns ganz in den leicht verletzten geistigen Habitus eines prüden Beschauers, um auch dem empfindlichsten Gemüt gerecht werden zu können. Wir waren demnach keineswegs objektiv, sondern wie man will, mehr oder weniger als dies. Wir hatten also ein zimperliches um das Wohl der Öffentlichkeit aufs äußerste besorgtes Kriterium, und saßen da.

Wir schicken voraus: Homosexualität ist eine in Deutschland ganz besonders unglückliche Naturanlage. Denn der § 175 verbietet sie unter schwerer, entehrender Strafe, wohl verstanden aber nur unter Männern, nicht bei Frauen, die sicher ebenso, wenn nicht stärker, verbreitet ist als die männliche. Das Gesetz macht, konstruiert also ein moralisches Verbrechen, das von Natur aus als solches nicht vorhanden ist, sondern nur eine Variation der Geschlechtsveranlagung darstellt, die an sich wohl krankhaft erscheint, aber durchaus keine Krankheit ist. Niemand hat das Recht, eine Abnormität zu bestrafen; für die der Betroffene nichts kann, zumal der § 175 sicher mehr Unheil angerichtet hat als wenn er nicht vorhanden wäre. Denn kein wirkliches, aus roher Gesinnung und Menschenunwürdigkeit entstandenes Verbrechertum ist so dem Denunziantenwesen und Erpressertum ausgesetzt wie eben die Homosexualität. Und wenn ein Paragraph, auf dem nicht die Todesstrafe steht, zu soviel Selbstmorden trieb wie gerade dieser, so ist er unsittlich. Zudem sind Homosexuelle oft genug feingeistige Leute, denen eine körperliche Annäherung sowohl des Mannes wie des Weibes im Grunde widerlich ist, die ein höchst sensibles Seelenleben führen und eigentlich mit ihren Leistungen schon von vornherein die Anspeiungen parieren könnten. Das weibische Getue vieler Homosexueller indessen stößt selbstverständlich auch uns ab, auch preisen wir hiermit keineswegs das Anormale zu ungunsten des Normalen, wir verlangen nur, daß die Ungerechtigkeit, die darin liegt, daß man eine schon als Unglück zu betrachtende Veranlagung entehrend bestraft, aus dem Gesetzbuch verschwinde.

Dies ist auch der ehrliche und, wie wir uns nach strengstem Maßstab überzeugt haben, durchaus wissenschaftliche Zweck des Films im Lessingtheater, ja wir erkennen im Gegenteil an, mit wieviel Dezenz, Takt und Haltung das Problem dort keineswegs breitgetreten, sondern ernst erörtert und sachlich wie künstlerisch in gediegener Form einem Publikum dargeboten wird, von dem die Direktion des Lessing-Theaters den sachlich-wissenschaftlichen Anstand voraussetzt, den es in seiner Masse nicht hat, nicht haben kann. Dies ist der einzige Vorwurf, der die Leitung trifft, neben dem, daß sie letzthin unter dem weit dehnbaren Begriff der Aufklärungsfilms doch manche Schlüpfrigkeit mit durchgehen ließ – bei welchen Gelegenheiten allerdings niemand pfiff oder sich sonstwie gegen Un- und Halbmoral "einsetzte". Uns scheint der Widerspruch gegen diesen wirklich rein wissenschaftlich gehaltenen Film, in welchem der bekannte Sexualforscher Max Hirschfeld selbst die Rolle des Arztes spielt, entspringt törichter Voreingenommenheit gegen ein solches Thema überhaupt, einerlei, ob es dezent dargestellt wird oder nicht. Und die Furcht, es könnten Jugendliche durch diese Darbietung in abnorme Gefühlswelten geraten, ist aus zwei Gründen lächerlich: erstens kann ein Film, selbst wenn er die Richtung auf das eigene Geschlecht priese (was doch gar nicht geschieht), in keinem Menschen eine Veranlagung erzeugen, die er nicht hat, zweitens wird hier das Leiden dieser abnorm Fühlenden so erschütternd erwiesen, daß eine krasse Abschreckung erreicht wird, also ein nur moralischer Zweck, der von der Bühne aus nicht möglich wäre.

Die erste Stufe des Urteils ist die der Partei, die zweite die der Einsicht, die dritte die der Übersicht und Gerechtigkeit. Suchen wir auf der höchsten zu stehen und überlassen wir das Geschrei nach unüberlegter Moral denen, die erwiesenermaßen eine unglückliche Veranlagung, die sie nicht verstehen und ablehnen, in eine Linie setzen mit der Unmoral, die sie sehr gut verstehen und nicht ablehnen ...