Die Wahlverwandtschaften

Die Wahlverwandtschaften

DDR 1973/1974, Spielfilm

Vom Anspruch und Glück des Ganzseins

Im Gespräch mit Regine Kühn


Das Volk, Erfurt, 21.8.1974


Regina Kühn, vor Jahren schrieben Sie mit am Szenarium zu "Zeit der Störche" nach Herbert Ottos gleichnamigem Roman und haben nun als nächste Arbeit bei der DEFA das Szenarium zu den "Wahlverwandtschaften" nach Goethe vorgelegt. Ist der zeitliche und literarische Abstand zwischen beiden Stoffen nicht sehr groß?

Regine Kühn: Ja und nein. Ich gebe zu, daß ich mich den "Störchen" viel unbefangener genähert habe. Da gab es im wesentlichen nur eine Interpretationsmöglichkeit. Bei Goethe gibt es unendlich viele und auch die gegensätzlichsten. Da ich aber keineswegs von einem historisierenden Standpunkt an die "Wahlverwandtschaften" herangegangen bin, sondern das, was ich da herausgelesen habe, für sehr gegenwärtig halte, gibt es schon Beziehungen zum Thema der "Störche". Die Arbeit an den "Wahlverwandtschaften" ist einfach schwerer gewesen, eben weil interpretiert werden mußte. Was leicht geht, macht mich stutzig, und ich kann mich schwer von Ergebnissen trennen, weil ich vorher lange und gründlich nachgedacht habe, ehe ich zu ihnen kam. Für mich sind die "Wahlverwandtschaften" so etwas wie eine Bewährungsaufgabe.

Sie sprachen vom Gegenwärtigen in den "Wahlverwandtschaften". Wo sehen Sie es?

R. K.: Bei Goethe geht es um Leute Mitte der dreißig. Ich bin in diesem Alter. Goethe stellt wesentliche Fragen an uns. Er fordert auf, bewußt zu leben, darüber nachzudenken, welchen Sinn das Leben hat und welche Stellung man zu ihm bezieht. Mich hat die Lektüre der "Wahlverwandtschaften" ungeheuer erregt, und ich will mich mit dem, was ich für den Film aufgeschrieben habe, mitteilen, weil ich der Meinung bin, daß es viele Zuschauer angeht. Der Mensch darf sich doch nicht mit dem einmal gesteckten Rahmen zufriedengeben. Er muß ihn sprengen. Sonst gibt es keinen Fortschritt, sonst existiert der Mensch nur, er lebt nicht. Ich hoffe, daß ich mich mit dem Film verständlich mache. Goethe schrieb 1806 in den "Analen": "Zwar brannte die Welt an allen Ecken und Enden, Europa hatte eine andere Gestalt genommen. Zu Lande und See gingen Städte und Flotten in Trümmer, aber das mittlere, das nördliche Deutschland genoß noch eines gewissen fieberhaften Friedens, in welchem wir uns einer problematischen Sicherheit hingaben."


Es gilt, diese "problematische Sicherheit" – in der viele glauben, unbeschadet verharren zu können – bewußtzumachen, zu zeigen, daß sie problematisch ist. Oder anders gesagt – und zwischen beidem liegen die "Wahlverwandtschaften" für mich – wieder mit einem Goethe-Zitat: "Übrigens habe ich glückliche Menschen kennenlernen dürfen, die es nur sind, weil sie ganz sind." Der Mensch muß danoch streben, es ganz zu sein. Er darf sich selbst in seinen Möglichkeiten nicht beschränken.

Nun könnte man sagen, lassen wir Goethe das gedruckte Wort, und wer sich an ihm erbauen will, der soll es per Buch und Lesebrille tun. Glauben Sie, daß Goethe zuwenig gelesen wird?


R. K.: Was soll ich darauf antworten? Große Literatur hat den Vorzug, Dinge so zu formulieren, daß daran nichts zu verbessern ist. Das kann aber nicht daran hindern zu versuchen, sie in ein anderes Medium zu übersetzen, denn mit dem Lesen ist das heute so eine Sache, trotz hochfrequentierter Bibliotheken und faszinierender Verkaufszahlen. Das Angebot ist so groß, ganz abgesehen von allen anderen Pflichten und Bedürfnissen, daß man einfach nicht alles das lesen kann, was man lesen sollte. Ich glaube, daß der Film ein Mittel ist, das Gedankengut der Klassik an breitere Schichten heranzutragen (…).