Napoleon auf St. Helena

Napoleon auf St. Helena

Deutschland 1929, Spielfilm

Napoleon auf St. Helena


Hans Sahl, Der Montag Morgen, Berlin, Nr. 45, 11.11.1929


Nach Abel Gance, dem heroischen Schlachtenmaler, zeigt nun Lupu Pick seinen "Napoleon"-Film; eine historische Rekonstruktion der Tage von St. Helena, die der alternde Kaiser als Gefangener des Gouverneurs, Sir Hudson Lowe, zubrachte. Nichts weiter, nur dieses Altwerden, dieses Warten auf den Tod, dieses Verlöschen in der Verbannung wird gezeigt. Aber es genügt, um diesen Film zu einem der künstlerisch saubersten, nobelsten Bildwerke zu machen, die in den letzten Jahren in Deutschland gedreht wurden. Keine Öldruckposen, keine rauschenden Kriegsvisionen, kein falsch aufgelegtes Heldenpathos. Willy Haas, der gemeinsam mit Lupu Pick das Drehbuch verfaßt, hat auf jede nachträglich hinzugedichteten Handlungseffekte verzichtet. Er faßt den Stoff, wie ihn die Geschichte überliefert hat, noch einmal in einer epischen Bilderfolge zusammen, in der sich die Worte, die Napoleon auf St. Helena sprach, von selbst zu einem erschütternden Monolog der Einsamkeit gruppieren. Freilich könnte man einwenden, daß diese Form der dokumentarischen Darstellung den Film als solchen nicht bereichert. Daß er eine Einengung, eine Eingrenzung der filmischen Phantasie bedeutet. Und tatsächlich ist auch diese Gefahr der Monotonie von dem Regisseur Lupu Pick nicht ganz überwunden worden. Aber wenn man zwischen Abel Gance und Pick, zwischen dem Film als Kostümtheater und dem Film als geistigem Erlebnis zu wählen hat, so ist die Entscheidung nicht schwer. Gance gab das vaterländische Klischee, den Gloirerummel, die Fridericus Rex-Begeisterung. Pick zeigt den Kaiser, wie er im Leinenanzug, düster und verfettet, vor der Tür sitzt, ein ausgedienter General, der fast von Shaw sein könnte, wäre ihm nicht trotz des Schmerbauchs die Majestät der Erscheinung geblieben. Diese Hoheit im Verfall, diese Erhabenheit des Untergangs wird von Werner Krauß einfach und groß gespielt. Eine Leistung, ebenso schlicht und menschlich wahr wie Albert Bassermanns gereizter, von Mißtrauen aufgeriebener Gouverneur; wie Hanna Ralphs wundervoll beherrschte Gräfin; wie jeder einzelne in diesem Film, der auf eine überaus ehrliche, anständige Weise versucht, ein historisches Vermächtnis der Nachwelt zu erschließen.