Wege in die Nacht

Wege in die Nacht

Deutschland 1998/1999, Spielfilm

Systemdämmerung in Schwarz-weiß



In der DDR, da war Walter (Hilmar Thate) noch wer. Da haben die Leute den Hut vor ihm, dem "Genossen Direktor", gezogen. Nach der Wiedervereinigung wurde die Fabrik stillgelegt. Für jemanden wie Walter hat jetzt niemand mehr eine Verwendung. Schließlich ist er Ende 50 und damit dem Tod näher als einer neuen Arbeitsstelle. Manchmal blättert er durch die Stellenanzeigen für Nachtwächter und andere Sicherheitsdienste und umkringelt sogar einige. Doch er schafft es einfach nicht, anzurufen und devot seine Dienste anzubieten. Da ist Walter, der Direktor a.D., lieber sein eigener Sicherheitsdienst. Dazu Legislative, Judikative und Exekutive in Personalunion. Walter ist die ungeteilte Gewalt. Eine moralische Offensive, die das Ungezogene und das Verderben in Eigeninitiative aus der Welt abkommandiert, wenn nicht knüppelt. Gemeinsam mit zwei Prügelknechten zieht er durch das nächtliche Berlin und säubert Plätze, Parks und U-Bahnen von Kinderschrecks, Rassisten und anderen Übeltätern. Einer muss es ja machen.

Mit Walter, dem ostdeutschen "Taxi Driver", bringt Andreas Kleinert in ruhigen und graphisch fotografierten Bildern nicht nur die Perspektivlosigkeit und Stagnation des abgewickelten Ostens auf den Punkt, sondern auch den Wahnsinn eines Machtkastrierten. Walters Gewalttaten verselbstständigen sich und sind bald von konventionellem Verbrechen nicht mehr zu unterscheiden. Enthemmte Brutalität und verqueres Pflichtgefühl verstricken sich zu einer heillosen Pathologie. Eine Systemdämmerung in Schwarz-weiß.

Quelle: Christian Buß, Birgit Glombitza (Red.): "Deutschland, revisited". (Katalog zur gleichnamigen Retrospektive im Kommunalen Kino Metropolis Mai - Juli 2004). Hamburg: Kinemathek Hamburg e.V., 2004