Danton

Danton

Deutschland 1930/1931, Spielfilm

Danton


Film-Kurier, Nr. 19, 23.1.1931


Tonfilm – das zauberhafte Mittel, Zeiten und Menschen von außen und innen her anschaulich und vernehmbar zu machen, wirkt hier durch den äußeren Aufwand, durch imposant organisierte Hör-Ensembles, durch ein unvergessliches Schaubild des Revolutions-Konvents der französischen Republik.

Der Schauplatz triumphiert: Ein Revolutionstribunal, das lichterloh von der Leinwand brennt und droht. Das bringt den großen Spielanreiz für alle Tonfilmtheater. Masse Mensch in historischer, ewiger Szene.

Keine Piscator-Bühne, kein großes Schauspielhaus kann diesen Massen-Eindruck in seiner Totalstärke geben. Die Kamera reißt da Vergangenheit zu Gegenwart. Zweimal diese gipfelnden Augenblicke, zweimal Danton-Zitate Kortners mit Republik-Appell, Vaterlands- und Freiheitsruf, zweimal ein ungeheuer von Volksbeifall getragenes Echo. Eine Geräusch- und Schrei-Eroica, aus der aus der sich die Hymne der Revolution reckt.

Jene Augenblicke überragen den Rest einer vielbildrigen Szenenfolge – wie stark, wie durchschlagend sind sie – wenn man sie vor so viel langatmiger, flacher Historisierungs-Dramatik des Heinz Goldberg im Ohr und Gefühl hat.

Jede dichterische Umwandlung wäre ja nun erlaubt, wenn sie mit Wirkung eingesetzt wird. Doch wie unfilmisch dramaturgisiert Goldberg. Der lehrreiche Film macht wieder deutlich: wie die absichtslose Szenenfolge die Anreihung ohne inneren Zusammenhang jeden Ablauf-Rhythmus zerstört. Es gibt auch in dieser Danton-Geschichts-Bilderfolge schlagende Übergänge – und nur diese Partien halten Spannung, treiben weiter, kontrastieren wirksam.

Hans Behrendt bleibt immer nur ein Halb-Könner.

Bei allen ungeahnt großen und von ihm auch bezwungenen Ton-Atelier-Anforderungen: merkwürdig: er flieht in einem Dabattierstück ... die Aussprache. Das mag filmkünstlerisch empfunden sein, aber an der falschen Stelle. Wenn Danton-Kortner Bedeutendes sagt (bei Advokaten und Justizministern der Revolution kommt"s eben schließlich auf die Rede an), zerschneidet er den Redefluß ... Liebesszenen läßt er dagegen lang, lang im Bild stehen.

Behrendt muß zur richtigen Erkenntnis und Wahl der Inszenierungsmittel kommen. Sein Organisationstalent in Ehren – seine vielseitige Hingabe an die Szenenfüllung ... (er ist der Antipode von Richard Oswald in dieser Beziehung) ... dafür geht ihm für das Entscheidende, das Ausschlaggebende der gesegnete Blick ab.

Er macht sichs durch Fehlbesetzungen doppelt schwer.

Überhört er, übersieht er, wie Gründgens mit seiner benedixschen Possen-Blasiertheit, der überschätzteste Schauspieler Berlins, unheilvoll fast in jedem Tonfilm, völlig neben seinem Robespierre steht? Dem Danton mit "Ei-Ei-du-Leser" drohend, die Brille von der Nase reißend, den Blick kullernd als parodierte er sich selbst. – und sowas in die Nähe eines unpopulären besonderen Darstellers wie Kortner!

Der dem Danton Klangwucht und die Kraft für die geprägten Sentenzen leiht, einen Charakter-Kopf dazu (mit H. Farkas arbeitstreuer, reizesammelnder Kamera – festgehalten). Eine recht interessante Kortner-Studie, die Ansätze macht und ebenso oft aussetzt – wie der bedauernswerte dramatische Fluß. Nie ein Danton-Abbild. Dieser Danton singt, ein revolutionärer Vorbeter. Man kann ihn nicht lieben. Trotz seines Lachens.