Emil und die Detektive

Emil und die Detektive

Deutschland 2000/2001, Spielfilm

Emil und die Detektive


Horst Peter Koll, film-dienst, Nr. 4, 13.02.2001

Bevor Erich Kästner seinen Roman beginnt, stellt er in einem „kleinen Bombardement“ die Personen vor und fragt, ob seine jungen Leser denn auch geschickt genug seien, sich aus den verschiedenen Elementen die Geschichte selbst zusammenzustellen. „Es ist eine Arbeit, als solltet ihr aus Bauklötzen, die man euch gibt, einen Bahnhof oder eine Kirche aufbauen; und ihr hättet keinen Bauplan, und kein Klötzchen dürfte übrig bleiben!“ Nun hat Franziska Buch die Bauklötze aufgehoben und sich ihren eigenen Bauplan zurechtgelegt, um „Emil und die Detektive“ einerseits so zu erzählen, wie man die Geschichte aus dem Romanklassiker und dessen Verfilmungen kennt, um andererseits aber Modernisierungen vorzunehmen, der der aktuellen Erlebniswelt von Kindern und ihrem heutigen Verständnis von Spannung und Unterhaltung entgegen kommen sollen. So lebt der 12-jährige Emil nun mit seinem allein erziehenden Vater in einer ostdeutschen Kleinstadt an der Ostsee, während die Mutter Geld aus Kanada schickt, wo sie sich eine neue Existenz aufzubauen versucht. Das Geld kommt in Emils „Zukunftskasse“, obwohl es der arbeitslose Vater Knut gut und gern für sich und seinen geliebten Sohn gebrauchen könnte. Dank Emil findet er endlich einen Job als Vertreter, baut in seiner Freude darüber aber einen Autounfall, der ihn mit Gipsbein ins Krankenhaus bringt und ihn den notwendigen Führerschein kostet. Emil soll vorrübergehend nach Berlin, wo er in der Villa der Pastorin Hummel und deren Sohn Gustav wohnen soll; da man sich, wie Emil gehört hat, in Berlin für Geld alles besorgen kann, nimmt er die 1500 Mark aus der „Zukunftskasse“ mit, um seinem Vater einen neuen Führerschein zu kaufen. Prompt begegnet er im Zug dem Gauner Max Grundeis, der ihm zwar per Handy einen Termin mit Passfälschern vermittelt, ihm dann aber das Geld stiehlt, sodass Emil auf Verbrecherjagd im großen Berlin gehen muss. Gustav hat keine Hupe mehr, Emil keine Großmutter, das namenlose Hotel am Nollendorfplatz ist das mondäne „Adlon“, und Boss der Berliner Kinderbande, die Emil tatkräftig bei der Beschattung von Max Grundeis hilft, ist ein Mädchen: Pony Hütchen als aufgewecktes, selbstbewusstes „Kind der neuen Berlin Straßen“ wurde gegenüber dem Roman aufgewertet und ist nun gar der heimliche Star, der mit einem Rapp-Song die Kids vorstellt, die ihm Refrain forsch betonen, wie „cool“ und „gut drauf“ sie seien. Irgendwo unterm Potsdamer Platz haben sie in Katakomben ihr Geheimquartier, wo sie ihre Strategien unter dem Signum „Parole Emil!“ austüfteln.

Ebenfalls neu gegenüber Kästner ist der pfiffige Gypsy, der von hier aus losgeschickt wird, um an Emils Stelle bei Gustav und seiner arg zerstreuten, aber herzensguten Pastorenmutter einzuziehen, was für manche heitere Turbulenz sorgt. Franziska Buch legte Wert darauf, dass alle Kinder ein knapp, aber pointiert konturiertes sozialen Umfeld erhalten, wobei vor allem die familiären Verhältnisse mit ihren diversen Defiziten herausgestellt werden. Nirgends taucht da mehr die „klassische“ Kleinfamilie auf, und wenn, dann wird darin so heftig gestritten, dass den Kinder nur noch der heimliche Herzenswunsch nach Geborgenheit und Harmonie und der Zusammenhalt in der Freundesclique bleibt. So redlich diese Akzentsetzung ist, so deutlich bleibt sie als ein „Bauklotz“ in einem zu vielen Zwecken dienenden filmischen Bauplan erkennbar, der wie ein betont munteres, aber überladenes und seltsam unkonzentriertes Patchwork daherkommt. Kein Element wird wirklich vertieft, sprunghaft geht es von einem Handlungspunkt zum nächsten, wobei Kästners Vorgaben mit Gags (Pünktchens frappanter Auftritt im Hotel), flotten Sprüchen und überraschend handfesten Krimi- und Gangsterszenen (Grundeis als Schmuckdieb und Entführer, die brutalen Passfälscher) zur filmischen Nummernrevue ausgebaut werden. Dabei versandet die dem Roman innewohnende romantische Utopie in dick aufgetragener äußerer Turbulenz, wofür bezeichnend ist, dass die Relevanz der abschließenden „Kinderpredigt“ zum Thema Gerechtigkeit gegenüber Kindern in der Hektik der parallel dazu montierten Gaunerjagd nahezu untergeht. Letztlich hat sich Franziska Buch wohl zu sehr an Kästners Vorgabe gehalten, dass kein Klötzchen beim Bauen übrig bleiben dürfe. Auch wenn sie letztlich viel zu viel gewollt hat, ist freilich nicht zu übersehen, dass viele Elemente, mit denen sie jongliert, durchaus attraktiv sind; vor allem die Spielfreude der jungen wie erwachsenen Darsteller ist beachtlich und entschädigt für manch wacklige Konstruktion. Und Pony Hütchens Begeisterung wächst einem durchaus ans Herz, sodass man ihr immer noch zustimmen kann, wenn sie ruft: „Das ist ja besser als in der Glotze!“