Metropolis

Metropolis

Deutschland 1925/1926, Spielfilm

Metropolis


Horst Peter Koll, film-dienst, Nr. 05, 06.03.1985
In einem kann man Giorgio Moroder, Südtiroler Filmmusik- und Schlagerkomponist mit großem Erfolg in Hollywood ("Flashdance", "Ein Mann für gewisse Stunden", "Die unendliche Geschichte" in der amerikanischen Version), zustimmen: Mit allzu großem Respekt sollte man Filmklassikern nicht begegnen, weil man sonst über das auratische Bestaunen vergißt, daß auch hier Fabeln und Geschichten über Menschen während bestimmter Zeitumstände erzählt werden, die ein Publikum auch emotionell berühren sollen. Ob allerdings seine modisch-schick bearbeitete Version von Fritz Langs "Metropolis" eine junge Generation dieses Meisterwerk wirklich richtig entdecken läßt, wie Moroder behauptet, erscheint mehr als fraglich. Moroder hat die Bilder koloriert – Innenräume in zarten Sepia-Tönen, Maschinen in kaltem Blau, in den visionären Großstadtkulissen taucht vereinzelt Signal-Rot auf –, hat die Handlung mit im gegenwärtigen Trend liegender (Disco-)Musik unterlegt und die (für den Rhythmus des Films so bedeutsamen) Zwischentitel größtenteils durch Untertitel ersetzt.

Ausgehend von einer vom Museum of Modern Art erworbenen Kopie, die durch Material aus drei weiteren Fassungen und einige Fotos von nicht mehr vorhandenen Szenen ergänzt wurde, basiert Moroders (drei Jahre währende) Bearbeitung auf einer weitgehend authentischen Fassung; daß sie dennoch so "kurz" ist – und damit einem anderen (oberflächlicherem) Konsumverhalten entgegenkommt –, liegt daran, daß Moroder teilweise die Montage "korrigierte", zahlreiche Schrifttafeln völlig eliminierte und längere Szenen kürzte, sie also passend machte für seine Pop-Musik-Kompositionen.

Erkennbar bleibt der Handlungsfaden des Films: Die dramatischen Ereignisse in einer totalitären Zukunftsstadt, über die ein Großindustrieller herrscht und für deren Existenz unter der Erde wohnende und arbeitende Maschinensklaven sorgen müssen. Als dessen Sohn Freder eine Art politisches Bewußtsein für dieses unmenschliche Klassensystem zu entwickeln beginnt und gemeinsam mit der Arbeitertochter Maria, die tief in den Katakomben der unterirdischen Stadt den erschöpften Arbeitern Mut zuspricht, dafür sorgen will, daß ein Gleichgewicht zwischen "Kopf" (dem Kapital) und den "Händen" (der Arbeit) entsteht, beginnt die Intrige des Vaters: Bei dem Erfinder Rotwang läßt er einen künstlichen Menschen mit Marias Gesicht herstellen, der die Arbeiter verführen soll, damit sie noch stärker in die Unterdrückung getrieben werden können. Es kommt zum unkontrollierbaren Aufstand, zur Katastrophe, die das ganze System bedroht, schließlich zum Kampf zwischen Freder und Rotwang, dann zur Versöhnung zwischen "Kopf" und "Händen": Das Herz muß der Mittler sein, um die sozialen Schichten zum Frieden zu animieren.

Was Giorgio Moroder an dieser Fabel in erster Linie interessiert haben mag, sind weniger die (wieder aktuellen) Problembereiche wie Bedrohung durch Automatisierung, Ausbeutung und Entfremdung der Arbeiter und Warnung vor den Folgen, als die bombastischen Ausdrucksmittel, die Fritz Lang hierfür gefunden hat: überdimensionale Häuserschluchten, visionäre Industriekonstruktionen, innerhalb der die fremdbestimmten Menschen wie verlorene Zwerge wirken, märchenhaft-expressive Gänge, Katakomben, Höhlen – das, so scheint es, sind für Moroder Versatzstücke wie im aktuellen Video-Clip, die geradezu nach musikalischer Neuinterpretation verlangen. Dabei ist eine eigenständige neue Ästhetik erreicht worden, die an einigen Stellen dicht und packend ist, an einigen Stellen sogar mit einer gewissen Eigendynamik Langs Intentionen unterstreicht (die Vision der nächtlichen Oberstadt, die Welt der Maschinen). Freilich ist dies ein Verharren an der Oberfläche; der Rhythmus der authentischen Fassung und vor allem die Entwicklung der Figuren werden einer peppigen Hauruck-Dramaturgie geopfert. Moroders Fassung prononciert damit lediglich das "Schlechte" an Langs Film, das was Luis Buñuel als "trivial, schwülstig, prätentiös, von einem altmodischen Romantizismus" geprägt empfand. Gerade das, was Fritz Langs "Metropolis" laut Buñuel zu einem der schönsten Bilderbücher, die man sich vorstellen kann, werden ließ – der "plastisch-fotogene Hintergrund" jenseits der Geschichte –, kommt in dieser Fassung entschieden zu kurz. Aus Fritz Längs "Metropolis" wurde Giorgio Moroders "Metropolis": ein schicker, leicht zu goutierender Unterhaltungsfilm, gerade recht, um als schickes Versatzstück innerhalb einer neuen Mode zu dienen.

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Quelle: FFA

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