Die Architekten

Die Architekten

DDR 1989/1990, Spielfilm

Leidenschaft und Überlebenskämpfe


Regine Sylvester, Filmspiegel, Berlin/DDR, Nr. 9, 1990


Eine Frau verläßt ihren Mann. Sie geht in die Schweiz. Der Mann umarmt die kleine Tochter im letzten Augenblick der Trennung vor dem Ausreiseschild am Bahnhof Friedrichstraße. Diese Szene wird heute gedreht. Der Regisseur wird sich beim Drehen beeilen müssen, denn hinter den Absperrungen der DEFA stauen sich von S-Bahn zu S-Bahn unwillig die Westreisenden. Ein grauer Tag ohne Licht. Feiner Regen beginnt erst unmerklich und hört dann wie ein Wasserfall nicht mehr auf. Alle sind am Ende durchgeweicht, stehen frierend mit nassen Füßen in Pfützen, dem Kameramann tropfen die Haare. Unter einem Schirm werden die beiden Schauspieler und das kleine Mädchen so halbwegs trocken gehalten. Doch über der Arbeit liegt Ruhe. Sie kommt aus der Überzeugung, dieses Projekt so durchgesetzt zu haben, wie sie es wollten – der Autor Thomas Knauf, der Regisseur Peter Kahane, der Kameramann Andreas Köfer. Um dieses Buch haben sie lange gekämpft. Die Geschichte über die eigene Generation, über die Erfahrungen der Gleichaltrigen und Gleichgesinnten.

Wanda und Daniel, das Paar, das in diesem Land nicht zusammenbleibt, spielen Rita Feldmeier und Kurt Naumann. Ihre erste große Filmrolle nach der Arbeit an ihren Theatern in Potsdam und Karl-Marx-Stadt. Sie haben an diesem Vormittag nicht viele Einstellungen – nur den letzten Blick des Paares, ein knappes Winken, die Frau verschwindet mit der Tochter in der verbotenen Zone – aber sofort überzeugt die Besetzung. Beide besitzen eine anziehende nervöse Spannung. Sie haben im Gesicht die Spuren von erster Zerstörung durch Leidenschaft und Überlebenskämpfe – etwas Zeittypisches und doch das Gegenteil von Durchschnitt oder Mode. Ganz nah hält sich der Regisseur bei seinen Darstellern auf, am längsten und am leisesten bei dem kleinen Mädchen, das in diesem Film einen schwierigen Part hat. (…)


Aus dem Gespräch im Auto mit Peter Kahane: "Es gab kräftige Auseinandersetzungen und harte Diskussionen. Bei der Direktheit des Stoffes, seiner Deutlichkeit bis in die Dialoge hinein, mußte jeder, der darüber zu befinden hatte – das waren nicht wenige –, auch klare Positionen beziehen. Da konnten wir natürlich auch gut erleben, wer sich dem Buch entgegenstellte, wer nur vorsichtig taktiert und wer solidarisch war. Aber wir hatten viele Verbündete. Das war sehr gut. Nun, nach der großen Veränderung, verliert der Film das Sensationelle. Die Dinge, die wir mit Mühe durchgesetzt haben, werden jetzt überall verhandelt. Aber ich denke, Wesentliches bleibt: Ein Beginn des Nachempfindens und des Nachdenkens über die Gründe unserer Geduld, unserer Hoffnungen und Enttäuschungen." (…)

Beinahe letzter Drehtag in Babelsberg, Dienstag, 9. Januar 1990.

Peter Kahane: „ Wir haben versucht, auf die Höhe der Zeit zu kommen, und wir hechelten immer hinterher. Wir haben Demonstrationen und Mahnwachen gedreht, und schon wieder wurde anderes wichtig. Dann faßten wir einen Entschluß: Das wird ein historischer Film, er endet im Frühjahr 1989. Diese Entscheidung wirkte klärend. Da erst konnte ich wirklich über den Schluß des Films nachdenken. Nach vielen Umwegen sind wir wieder zur alten Fassung zurückgekehrt. Der einzige Unterschied findet sich im Akzent, in der Sicht auf den Helden.

Früher sollte durch Bild und Musik klarwerden, daß Daniel trotz seiner Niederlage mit viel größerer Radikalität weiterkämpfen wird. Das war unser Wunsch und auch unsere Art, Tragisches zu erleben und uns trotzdem immer wieder Mut zu machen. Nachdem die Menschen in diesem Land mit eben dieser Radikalität unsere Gesellschaft verändert haben, hat sich eine Hoffnung erfüllt. Es bleibt, über unsere Verluste zu erzählen."