Levins Mühle

Levins Mühle

DDR 1979/1980, Spielfilm

Schuld, für heute erzählt



Günter Agde, Filmspiegel, Berlin/DDR, Nr. 25, 1980
Der Film erzählt eine Geschichte, die rund 100 Jahre zurückliegt. Der aufmerksame Zuschauer wird die historische Dimension erfassen und begreifen. Er wird zweifellos auch jene aufschreckenden Assoziationen und Impulse empfinden, die die alte Geschichte für aktuelle Vorgänge, für Heutiges bereithält. Unversehens erhielt der Film Gewichtigkeiten, die nicht abzusehen waren, als er konzipiert wurde. Das steigert seinen Wert in der Begegnung mit dem Zuschauer dieser Tage.

Johannes Bobrowski, zu früh verstorbener Lyriker und Erzähler, Fabulierer der dargebotenen Geschichte, brachte einen ganz eigenen, neuen Ton in unsere Literatur ein, der unvermindert bis heute wirkt. Ich bin sicher, daß der Film nach Bobrowskis Roman diese Wirkung kräftig stärken wird. Selten ist die multiplikatorische Funktion von Film so zu begrüßen wie hier, im Hinblick auf das Werk dieses Dichters und im Hinblick auf sein Thema.

Im Ostpreußischen, im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts, schwemmt der deutsche Mühlenbesitzer Johann heimlich die primitive Mühle seines (jüdischen) Konkurrenten Levin hinweg. Das Volk ergreift Position gegen Johann. Das Volk – polnische Landarbeiter, wandernde Zigeuner, jüdische Gewerbetreibende, ein buntes, sozial, religiös und ethnographisch mehrfach verschränktes Gemisch. Ihnen gegenüber – "die Deutschen", genauer die deutschen Besitzenden und ihre Vasallen (die Polizei, Sekten). Auf beiden Seiten Außenstehende, Entwurzelte, Unbeteiligte. Auch das ist – historisch und sozial – mehr verflochten, als hier darzustellen ist.


Ein Gerichtsprozeß findet statt. Levin verläßt mit seiner Braut Maria die Gegend. Johann verkauft seine Mühle und zieht in die nahe Kleinstadt. Unentschieden?
Die Schuld des Einen und die seiner Verbündeten bleibt. Sie ist ein Knoten im großen Gewebe, mit dem jahrhundertelang die deutschen Besitzenden ihre östlichen Nachbarn zu binden versuchten. Die künstlerische Abbildung dessen will erklären, aufhellen, warnen, will einen Teil dieser schlimmen Riesenschuld abtragen helfen.

Unmißverständlich macht Szenarist und Regisseur Horst Seemann sich dieses Anliegen zu eigen und setzt es leidenschaftlich mit seinen Mitteln in Film um. Das gelingt ihm. Freilich reißt ihn sein Engagement hin, Bobrowskis hohe Kunst der feinen, auch ironischen, facettenreichen Abstufung, des allgegenwärtigen Aufspürens noch von kleinsten Widersprächen auf einen vergröberten Nenner "die Deutschen" und "die anderen" zu bringen. Möglicherweise trug steigernd dazu bei, daß das heikle, auch brisante Thema von unserer Kunst erst zögernd angenommen wird und uns jene Schuld besonders drückt, wenn sie uns wieder ins Bewusstsein kommt. (…)

Gewiß, Verfilmung von Literatur zwingt immer zu Festlegungen, die sich vom Original meist merklich abheben. Aber hier tut Seemann mehr, als es das Medium Film erfordert und als es nach meiner Meinung die Vorlage gestatten sollte. Solche starke Vereinseitigung aller Figuren, wie er sie vornimmt, wäre zu vermeiden gewesen. (…)

Dies merkend, achtet man verstärkt auf die schauspielerischen Leistungen. So findet man vor allem in Christian Grashof als Levin eine glänzende Interpretation deshalb vor, weil Grashof – bei aller sozialen Genauigkeit – eben der Bobrowskischen Differenzierung am nächsten kommt. So findet man, daß Else Grube-Deister wegen sozialer Verschwommenheit, bei psychologischer Genauigkeit, daß Eberhard Esche bei sozialer Genauigkeit wegen psychologisch völliger Einseitigkeit enttäuschten, bekanntlich aber zwei exzellente Darsteller. Zwischen diesen Polen künstlerischer Qualität ein enormes Ensemble hervorragender Darsteller auch in kleinsten Rollen, wie man es selten in einem DEFA Film versammelt findet. (…)