Willenbrock

Willenbrock

Deutschland 2004/2005, Spielfilm

Mein Haus, meine Frau, meine Panik

Panorama: Andreas Dresens "Willenbrock" – nach dem Roman von Christoph Hein




Jan Schulz-Ojala, Der Tagesspiegel, Berlin, 16.02.2005

Wie jetzt? Andreas Dresen nicht im Wettbewerb? Der Regisseur, der 1999 mit "Nachtgestalten" das Genre der sensiblen Berlin-Ergründung neu erfand und damit gleich einen Preis für Michael Gwisdek holte? Der Regisseur, der 2002 mit "Halbe Treppe" Publikum, Kritik und Jury so begeisterte, dass es dafür den Silbernen Berlinale-Bären gab? Nochmal: Der zielstrebige Wegbereiter des neuen deutschen Filmweltruhms – nicht im Wettbewerb?

Ja, Andreas Dresen nicht im Wettbewerb. Sondern nach mancherlei Hin und Her im letzten Moment im Panorama gelandet – und das ist ganz okay so. Denn "Willenbrock", der auf einem Roman Christoph Heins beruht, wird auch so seinen Weg machen: erst im Kino (ab 17. März), wo man Publikumsliebling Axel Prahl leinwandfüllend bewundern darf, dann im Fernsehen, wohin der Film am besten passt. Ja, man kann in "Willenbrock", das munter seine Schauplätze wechselt, jederzeit reinzappen. Und immer wird man in dieser hurtigen Erzählung ganz gern hängenbleiben. Denn immer ist auch ordentlich was los.

Bernd Willenbrock ist ein Held, wie er im amerikanischen Buche steht: Leben auf der Überholspur, Firma floriert, Frauen umschwirrn ihn, hübscher Grundbesitz nebenbei, und verheiratet ist er auch noch. Nur alles typisch dresen"sch im Kleinen: Unser Hero, den Axel Prahl mit einem Daueraugenzwinkern gibt, ist Gebrauchtwagenhändler irgendwo im Mittelostdeutschen, das Häuschen hat er von der Stange gekauft, und sogar als Provinz-Donjuan ist er bloß ein Routinier. Da gibt es die Professorin (demonstrativ sensuell: Dagmar Manzel), mit der Bernd sich gelegentlich zum gepflegten Hotelfick verabredet. Da gibt es die Studentin (stark und spröde: Anne Ratte-Polle), der er zwecks Intensivierung eines Lebensabschnittsnebenverhältnisses schon mal einen Alfa schenkt. Und da gibt es seine Frau Susanne (traumsanft: Inka Friedrich), die nicht gerade glücklich ist mit der Boutique, die Bernd ihr gekauft hat und die ihr kinderloses Leben füllen soll. Und da gibt es anderweitige Störungen: nächtliche Diebstähle vom Autohof, ein toter Wachhund, und plötzlich werden die Willenbrocks im Ferienhaus überfallen. Zwei Russen waren"s wohl, und dann werden sie abgeschoben.Und wenn die morgen wieder da sind und uns echt kaltmachen? Susanne wird von Dauerpanik ergriffen – und auch Bernd, der bislang als Womanizer von nebenan immerhin kompakte Figur machte, diagnostiziert erst den unvermuteten Besitz einer Pistole und alsbald einen schweren Defekt in seinem Gefühlsnavigationssystem. Nur: Kein Hero fährt hier sein Leben gegen die Wand.


Andererseits bleibt nach durchaus dramatischen Verwicklungen auch die große Läuterung aus. Es geht ums Weiterwursteln, ganz wie im richtigen Leben. Andreas Dresen hat das von Christoph Hein streng angelegte Psychogramm eines Aufsteigers, der die neuen Freiheiten des Kapitalismus genießt und bald am laxen Rechtsstaat zu verzweifeln beginnt, ordentlich berücksichtigt und doch sachte ins Heitere entsorgt. Dennoch krankt auch der Film, wenn man ihn seiner Unterhaltsamkeit entkleidet, am Ressentiment. Denn die Gesellschaft ist weder an allem schuld noch ist sie in der Lage, alles zu heilen: unsere eigene Blödheit am allerwenigsten.
© Jan Schulz-Ojala

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