Sass

Sass

Deutschland 2000/2001, Spielfilm

Sass


Claus Löser, film-dienst, Nr. 20, 25.09.2001

Die Gebrüder Sass verkörpern eine kriminalhistorische Legende ersten Ranges. Zwischen 1926 und 1933 gelang ihnen in der Reichshauptstadt Berlin eine ganze Reihe spektakulärer Coups. Sie avancierten zu Lieblingen der Öffentlichkeit; vor allem wegen ihrer ausgetüftelten Vorgehensweise und eines vergleichsweise hohen „Berufsethos“. So waren Waffen und überhaupt jede Gewaltanwendung bei den Raubzügen der Brüder Tabu, mitunter ließen sie wohl auch Teile der Beute bedürftigen Anwohnern ihres Kiezes in Berlin-Moabit zukommen. Hauptgrund für ihre Popularität war allerdings der Umstand, Polizei und Justiz jahrelang an der Nase herumgeführt zu haben. Von einigen Bagatellstrafen abgesehen, konnte den Sass-Brüdern nichts nachgewiesen werden. Bis heute sind große Beuteanteile ihres wichtigsten Bruchs, des Einstiegs in die Disconto-Gesellschaft in Berlin-Schöneberg im Januar 1929, nicht gefunden worden. Der sich aus der Originalität ihrer kriminellen Energie speisende Mythos ist höchstens mit dem der in der unmittelbaren Nachkriegszeit agierenden Gladow-Bande vergleichbar (1981 verfilmt von Thomas Brasch als „Engel aus Eisen“, fd 22 906), in Ansätzen vielleicht noch mit dem des Kaufhaus-Erpressers Dagobert Mitte der 90er-Jahre. Trotz ihres über Jahre hinweg erfolgreich praktizierten Hase-und-Igel-Spiels mit der Polizei fanden die tollkühnen Moabiter Brüder ein tragisches Ende: 1938 von Dänemark an den nationalsozialistischen Justizapparat ausgeliefert, wurden sie zwei Jahre später ohne ein entsprechendes Urteil exekutiert.

Soweit die authentischen Hintergründe des mit viel Aufwand adaptierten Falls (detailliert nachzulesen in der Dokumentation „Die Meisterdiebe von Berlin“ von Ekkehard Schwerk). 1957 gab es unter dem Titel „Banktresor 713“ (fd 6146) mit Martin Held und Hardy Krüger in den Hauptrollen eine Verfilmung des Stoffs. Regisseur Werner Klingler hatte die Geschichte in die frühen 50er-Jahre der von der DDR eingeschlossenen „Frontstadt“ West-Berlin verlegt. Mehr als 40 Jahre später hielt sich Carlo Rola zwar an den historischen Zeitrahmen, veränderte aber einige wesentliche Momente des Geschehens. Eine legitime Herangehensweise: Geschichte ist Geschichte und Film ist Film; eine künstlerische Arbeit sollte nicht an eventuell vorhandenen Wirklichkeitsvorlagen gemessen werden. Interessant ist ein Abgleich dennoch, versprachen sich die Autoren dadurch offenbar eine dramaturgische Aufwertung des authentischen Materials. „Sass“ reiht sich in die Serie historisierender Spielfilme ein, die den vermeintlichen Glanz einer versunkenen Ära und deren Abdriften in die Barbarei als Vehikel für letzten Endes politisch unreflektiert erzählte Geschichten benutzen. Wie bei „Comedian Harmonists“ (fd 32 893) oder „Aimée und Jaguar“ (fd 33 548) wurden weder Aufwand noch Fördergelder gescheut, um die gesellschaftliche Hybris kurz vor dem Triumph des Nationalsozialismus ins Gewand üppigen Ausstattungskinos zu kleiden.


Das Gauner-Duo erweist sich mit Jürgen Vogel und Ben Becker treffend besetzt, präzise auch Henry Hübchen als ihr Gegenspieler. An der handwerklichen Umsetzung ist wenig auszusetzen. Wenn der Film dennoch misslungen ist, liegt dies vor allen an der allzu getreuen, dabei seelenlosen Befolgung amerikanischer Plot-Strickmuster. Liebesgeschichten mussten her und eine gehörige Portion Action. Im Gegensatz zu den überlieferten Fakten wurde aus den zurückgezogen lebenden Brüdern ein hedonistisches Duo, das ausgiebig Wein, Weib und Gesang huldigt. Dem Versteckspiel mit der Polizei wurden Querelen mit der Unterwelt zugesellt sowie das zunehmend aggressive Auftreten der NSDAP. Gerade dieser Einbruch des Totalitarismus in die Ganoven-Karriere raubt dem Film seine Glaubwürdigkeit. Und wenn Franz Sass eine Liebesgeschichte mit der jüdischstämmigen Bankiersgattin Sonja Weiss zugeschrieben wird, die zuletzt auf dem Weg in die Neue Welt ein Kind ihres von SA-Männern erschossenen Liebhabers „unter dem Herzen trägt“, dann ist das in seiner kolportagehaften Konstruktion nur noch peinlich. Der aus dem Off vorgetragene Nachsatz, das Kind würde später zu einem namhaften Rechtsanwalt aufsteigen, der die Großen der Unterwelt verteidigen werde, lässt das Ganze restlos in Richtung Trash kippen. Dabei muss dem Filmemacher großes Kino à la Hollywood vorgeschwebt haben; auf „Es war einmal in Amerika“ (fd 24 766) wird wenig bescheiden gleich mehrfach verwiesen. Im Zusammenhang mit der unaufhörlich dudelnden, lediglich illustrierenden Musik oder der ungeschickt eingesetzten Off-Stimme erweist sich „Sass“ ästhetisch wie inhaltlich aber als äußerst kurzatmig. Selbst zwischen Ingmar Bergmans vielleicht schwächster Arbeit, dem vom Zeitkolorit her verwandten, ebenfalls im Berlin am Ende der 20er-Jahre spielenden „Das Schlangenei“ (fd 20 537) und Rolas Film liegen Welten. Unverzeihlichster Mangel: Die 112 Minuten sind über große Strecken schlicht langweilig.