Die freudlose Gasse

Die freudlose Gasse

Deutschland 1925, Spielfilm

Die freudlose Gasse


Heinz Michaelis, Film-Kurier, Nr. 117, 19.5.1925


(…) Der Verfasser des Manuskripts Willi Haas, der Autor des Murnau-Films "Der brennende Acker", ist ohne Frage einer unserer kultiviertesten Filmautoren, dessen künstlerische Intentionen in früheren Filmen durch die Unzulänglichkeit der anderen beteiligten Faktoren mitunter durchkreuzt wurden. Ein Verhängnis, das gerade unsere wertvollsten Filmschriftsteller mit einer Art mystischer Notwendigkeit zu verfolgen pflegt. Vielleicht, damit im Kampf mit dem "großen Krummen" (um mit Ibsen zu reden) ihre geistige und künstlerische Energie zur höchsten Intensität gesteigert wird. Das Manuskript von Haas bietet dem Regisseur die denkbar tragfähigste Basis, um einen Film im oben angedeuteten Sinne zu schaffen. Trotzdem der Autor, wie gesagt, vielleicht besser getan hätte, eines der im Roman behandelten Schicksale zum Mittelpunkt der Geschehnisse zu machen, anstatt eine Reihe von Schicksalskomplexen als gleichberechtigt nebeneinander zu stellen. Der große Vorzug dieses Manuskripts besteht vor allem hierin: Die einzelnen Geschehnisse sind untergeordnet einer einheitlichen Idee. Keines dieser Menschenschicksale steht isoliert, sondern es ist begründet in der Tragödie der Zeit, in dem Schicksal der sterbenden Stadt Wien, das hier im Bilde projiziert wird. Der Autor hat hier die Aufgabe erfüllt, die Sendung jedes Bühnenwerkes, jedes Romans und jedes Films, der mehr als bloße Unterhaltung sein will, bedeutet: im Mikrokosmos den Makrokosmos zu enthüllen, im einzelnen das Allgemeine aufzuzeigen.

Neben Karl Mayers "Letzten Mann" ist diese "Freudlose Gasse" von Willi Haas das einzige deutsche Filmmanuskript der letzten Saison, das derartige Gedankengänge auslöst.

Wie weit ist nun der Regisseur G.W. Pabst die Wege gegangen, die das Manuskript ihm gewiesen? Das große Verdienst dieser Regieleistung ist vor allem dies: der Film hat Atmosphäre. Die Luftschicht um diese Menschen herum wird spürbar. Das Gesicht der Stadt Wien mit ihren individuellen Zügen wird entschleiert. – Was dem Film mangelt, ist die Geschlossenheit der Komposition. Die ungeheure Vielfalt der Geschehnisse hat den Regisseur betäubt. Anstatt eines einheitlich gefügten Organismus gibt er ein mitunter verwirrendes Mosaik von Szenenfetzen, die gleich einem Geisterzug vorüberflirren; der Stoff ist nicht rhythmisch gebändigt; das Furiose dieser Handlung, die psychischen Delirien, von denen diese Menschen geschüttelt werden, sind in dieser Bilderführung nicht Gestalt geworden.

Die Stärke der Regie liegt in der Bildkonzeption. Jedes einzelne Bild, für sich allein betrachtet, hat fluidale Kraft. Die Menge, die sich am Fleischerladen drängt, das Treiben im Salon der würdigen Madame Greifer, das Toben der empörten Masse zum Schluß, der Brand, das alles sind Momente, die einer bildhaft orientierten Künstlerphantasie entstammen. Es fehlt nur die formende Kraft, aus einem Chaos einen Kosmos zu schaffen.

Was dem Film eine Sonderstellung verleiht. Ist die Qualität einiger Schauspielerleistungen. Es ist der Film der großen Besetzung. (…)