Die freudlose Gasse

Die freudlose Gasse

Deutschland 1925, Spielfilm

Die freudlose Gasse


Dr. Mendel, Lichtbild-Bühne, Nr. 77, 19.5.1925


"Es fällt kein Meister vom Himmel" sagt man. Aber auch Sprichworte können lügen; denn was hier die junge Sofar-Film Gesellschaft uns als Erstling beschert hat, ist ein gradezu vollendetes Meisterwerk, ein bis in alle Tiefen aufrüttelndes, erschütterndes Zeitbild aus allerjüngster Vergangenheit, ein wahrer "Film der Menschlichkeit", dem wir an stofflicher und künstlerischer Wucht nur noch "Raskolnikoff" an die Seite stellen könnten. Mit dem Unterschied nur, daß Milieu, Ethik und Menschenschicksale uns hier so unendlich näher stehen, als in jener russischen Grübelei. Noch liegen die gräßlichen Nöte der alle Moral vernichtenden, eigenen Inflation uns allzu nahe, als daß wir nicht blutenden Herzens mitfühlen sollten mit den Unglücklichen, die uns nun in der Hauptstadt des Bruderlandes mit einer Realistik aufgezeigt werden, die erschrecken könnte, wenn nicht echte Kunst selbst das tödliche Grauen veredeln und in heißes Mitleiden verwandeln würde; wenn nicht diese wirtschaftliche und sittliche Verwüstung wertvollster und ganzer Volksteile durch skrupellose Spekulanten uns instinktiven Haß und Abscheu vor jenen Drohnen der Gesellschaft einimpfen und uns so auch ein wenig zu bessern – versuchte. Was hier in packenden und ach so wahrheitsgetreuen Einzelschicksalen auflebt, es ist die Geschichte von Millionen unserer Mitmenschen, an der wir nur teilnahmslos vorübergingen, weil eigene Sorgen uns allzusehr drückten; für die uns aber hier, zumal die Zeit so manches vergessen ließ, der Blick geschärft wird. Für einen winzigen Brocken Fleisch, für primitivste Bedürfnisse, aber auch für nichtige Eitelkeiten und gierige Spekulationen verkaufen sich Frauen und Mädchen, opfern Männer Stellung und Ehre. Der Dollar vergiftet alt und jung, läßt das Schiebertum in Nacht- und Nacktlokalen übelster Art prassen, während das arbeitende Volk darbt und verkommt! – Willi Haas hat Bettauers Roman zum Film zu einem wirklich lebenden Bilde meisterhaft gewandelt, G.W. Pabst seinen Worten schöpferisch heißen Odem eingeblasen. Und eine Schar großer Künstler hat in innigem, selbstlosem Zusammenspiel diesen Menschen Herz und Seele gegeben. Keiner fiel aus dem kostbaren Rahmen; fast erscheint es uns unrecht, hier einige Namen gesondert zu nennen: Asta Nielsen, Greta Garbo, Tamara, Gräfen Esterhazy, Hertha von Walther, Valeska Gert, Werner Krauß, Jaro Fürth, Robert Garrison und, als Episode leider nur und doch unvergeßlich Grigorij Chmara!.- Ein Ensemble wie selten eines: Dazu Seebers stimmungsreiche Photographie und Sohnle und Erdmans oft geradezu unheimlich echte Bauten – kurz: Dieses Prachtwerk, diese "Freudlose Gasse" wird wohl nirgendwo auch eine "Freudlose Kasse" hinterlassen.