Warnung vor einer heiligen Nutte

Warnung vor einer heiligen Nutte

BR Deutschland 1970/1971, Spielfilm

Als alles noch offen war




Karsten Witte, Frankfurter Rundschau, 15.05.1992

Ein Mann, der seine langen Haare mit einem ausufernden Hut zusammenhält, erzählt in Heiterkeit einen Comic-Strip von Goofy und Winz-Willi. Ein Mann aus dem Off stellt Fragen zum Geschehen. Das alte Drama der Angst und Verfolgung wird verkleinert. Das fängt gut an. Verläßt die Kamera die Nähe der Gesichter, um die Enge eines Raumes zu suchen, stellt sie darin die Mitglieder einer Gruppe vor. Sie wollen einen Film machen und warten auf den Regisseur. In diesem Zustand sind sie lethargisch und lauernd wie Wildkatzen, die ihren Bändiger, die ihre Fütterung ersehnen.

Ein verkitschtes Strandhotel am Mittelmeer ist der Schauplatz zu einem Unternehmen, dass den Titel "La Patria o La Muerte" (Vaterland oder Tod) tragen soll. Das war einst eine politische Losung der Französischen Revolution, die Castros kubanischer Revolution Auftrieb verlieh. Aus einem Gefühl verschwommener Solidarität und aus Durst auf eine wilde Mischung saufen die hier Versammelten, vom Produzenten Engagierten, aber keiner "Sache" Verpflichteten, die schönen Teilnahmslosen, denn auch folgerichtig bis zum Umfallen "Cuba Libre". Die leere Parole ist ihr Treibstoff, die Eitelkeit ihr Trieb. Ein müdes Ballett der Vergesslichkeit findet statt. Manchmal bewegt es sich in Richtung Typenkomödie.

Da ist das tranige, lüsterne Make-up-Girl; der traurige Aufnahmeleiter der ewigen Selbstbezichtigung; der einsame, alternde Star; die romantisch verspielte Schauspielerin, die fragt, wie Marlene Dietrich "wirklich" war: nett oder kalt; und natürlich als stämmiger Einpeitscher und Rüpel in Salonklamotten; der Herstellungsleiter im (zu engen) weißen Anzug, den der Regisseur selber darstellt. Als Fassbinder 1970 die "Warnung" drehte, war er 25 Jahre alt. Hinter ihm lagen Filme wie "Katzelmacher" und "Die Niklashauser Fart" (tatsächlich ohne "H"!), folgen werden die Melodramen "Der Händler der vier Jahreszeiten" und "Die bitteren Tränen der Petra von Kant". Alles war offen. Nur nicht der unaufhaltsame Aufstieg zum Meister der rohen Form, zum Zugriff auf das sozial wie ästhetisch Ungeschlachte. Ohne Rücksicht auf Verluste, ja mit dem höchsten Risiko der erzockten Zuneigung zu Menschen, die am Rand stehen, bahnte sich Fassbinder seinen Weg.


Die "Warnung" wirkt nach innen als ein, wie man damals sagte, Selbstverständigungsprozeß. Das Team der alten "anti-teaters" (wieder ohne "h") aus München, das Fassbinder um sich scharte, merkte, dass er es eigentlich an sich gefesselt hatte. So wirkte diese "Warnung" nach außen: als Abrechnung, als filmisch schonungslose Ausstellung von hündischen, aber doch auch wieder produktiven Abhängigkeiten. Der Regisseur in der Lederjacke (Lou Castel, der mythische Rebell aus Bellocchius "Fäuste in der Tasche" hier in einer intensiven Marlon-Brando-Pose) mag seinen schwindenden Zugriff auf das störrisch, narzisstisch zerplatzende Team existentiell erleiden: allein der brutal drahtige Herstellungsleiter erteilt die schneidigen Kommandos zur Arbeit.
Fassbinder, der in seiner Funktion des Cutters den Namen Franz annahm, nennt sich in der Darstellung des Herstellungsleiters Sascha. Der Name ist die russische Koseform für Alexander. Die Vorzeichen sind früh und deutlich gesetzt für sein Werk in langer Vorbereitung: "Berlin Alexanderplatz". Das lässt auf sich warten, das lässt sich schon sehen. Denn einem russischem Zaren zu Ehren nannten die Berliner einen Platz nach Alexander, Döblins Hauptfigur des epischen Metropolenromans heißt bekanntlich Franz (Biberkopf). Welches Zeitgefühl vermittelt heute die "Warnung vor einer heiligen Nutte"? Ist es eine moralische Gleichung von Produktion und Prostitution? Ist es eine Parodie auf die staatlichen Förderungsmittel, die aus Bonn so dringend abgerufen werden? Eher inszenierte Fassbinder eine große, wüste Produktionsbeschimpfung. Die Nuttigkeit liegt in der dargestellten Haltung zu einer ungeliebten Arbeit, die die hier lustlos Agierenden an den Tag legen. Dieser Heiligkeit fehlt die Passion. Man sehe nur auf die Finger, die in aufgeföhnten Haaren noch müßig Locken drehen. Man achte auf die gelb und rosa eingefärbten Männer-Leibchen, die aussehen wie Regressionslappen aus der Kaiserzeit. Das alles mault und kommt nicht recht vom Fleck.

Bis auf Michael Ballhaus hinter der Kamera, den Fassbinder vermutlich angepeitscht hat, Schwung in den Laden der beteiligten Talente zu bringen. Durch die typischen Ballhaus-Fahrten kommt produktive Unruhe auf. Sie schnellen auf eine Person vor, die den Raum diagonal durchquert, schneiden sie beim Treffen der vermiedenen Berührung fast an, um im rasanten Tempo die angepeilten Darsteller links liegen zu lassen und an den Rand des Geschehens zu schicken. Dazu hört man Musik schwebender Zustände. Songs wie "Travelling Lady Stay For a While" oder "Suzanne" von Leonhard Cohen, Stücke von Spooky Tooth, Elvis Presley und Ray Charles, Maria Callas steuert eine Donizetti-Arie bei. Peer Raben hat das arrangiert. Da Fassbinder nie Sorge trug, die Musikrechte abzulösen, konnte der Film für zwei Jahrzehnte nicht gezeigt werden.


Die Dreharbeiten fanden in Sorrent, Italien, statt. Der Schauplatz soll Spanien sein. Das Team scheint schlecht im Bilde zu sein, wo es sich befindet: am realen oder am imaginären Ort? Das jämmerliche Kauderwelsch aus bayerischem Englisch und spanischem Italienisch ("Monetas Domani!") ist nur ein weiteres Indiz für die Abwesenheit geschriebener Dialoge und einer kohärenten Story. Das Zeitgefühl ist der heimliche Star. Auffällig in diesem aufwendig hierarchisierten Team ist, dass einer fehlt, der Drehbuchautor. Macht nichts. Denn Castel ist ein Autoren-Regisseur mit Hingabe zur Technik wie zu den Technikern des Schauspiels.
Das Team tanzt die Sonne an, als am Ende seine Hoffnung auf die Utopie sozialer Wärme sich verfranzt. Diese Traumwandler und Augenblicksfanatiker fallen in eine Erstarrung. Eddi Constantine, der schon versteinerte Mythos männlicher Härte aus der "Lemmy Caution"-Serie, erteilt dem Team – das sind Hanna Schygulla, Margarete von Trotta, Marquard Bohm, Ulli Lommel, Werner Schroeter, Kurt Raab, Magdalena Montezuma, Ingrid Caven und Harry Baer, um nur die wichtigsten aus dem Clan zu nennen – eine philosophische Lektion. Am Ende der "Warnung" steht eine Erkenntnis über die Arbeit des Regisseurs, wie Fassbinder sie vielleicht als Devise sich erträumte. Constantine spricht sie französisch aus. Das ist nicht untertitelt. Er sagt über die Arbeit von Jeff (Lou Castel): "Er hat gefunden, was die anderen vergessen haben. Die Zeit."

Sichtbar wird Zeit aber nur, drosselt man sie. Darin liegt der Grundkonflikt des Films, der "Warnung", die stillgestellte Zeit nicht auszuhalten. Das wäre der Tod. Im Gegenteil, man soll ihr Raum für die Entfaltung verleihen. Das wäre ein erfüllter Film, der "La Patria o La Muerte" hieße. Ein Film, der mittels ästhetischer Arbeit ein Vaterland für eine vorwärts getriebene Bewegung hätte.

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