Das Experiment

Das Experiment

Deutschland 2000/2001, Spielfilm

Tod auf dem Trimmpfad

Oliver Hirschbiegels Film "Das Experiment" stellt ein berühmtes Planspiel nach



Merten Worthmann, Die Zeit, 08.03.2001

Dieser Film handelt von zwei Experimenten. Das eine ist berühmt, das andere berüchtigt. Das eine hat 1971 an der Stanford-Universität stattgefunden, geleitet von einem Psychologieprofessor. Das andere findet immer wieder in Deutschland statt, geleitet von einheimischen Filmregisseuren. Im ersten geht es um menschliches Verhalten im Rahmen einer simulierten Gefängnissituation, im zweiten um spannendes Erzählen im Rahmen angewandter Hollywood-Dramaturgie. Das erste Experiment schlug damals fehl; es musste nach sechs Tagen abgebrochen werden, weil die Situation zu eskalieren drohte. Das zweite Experiment dagegen scheint diesmal geglückt. Oliver Hirschbiegels Film "Das Experiment" wurde vor kurzem vom Branchenblatt Screen International für "reif" erklärt – reif für ein Remake in englischer Sprache, das heißt: in Hollywood.

Das so genannte Stanford-Prison-Experiment gehört, wenn man so will, zu den Klassikern der modernen Verhaltensforschung, gemeinsam mit dem (noch bekannteren) Milgram-Experiment, in dessen Verlauf Versuchspersonen bereit waren, gegen ihre "Opfer" – nach Aufforderung durch vermeintliche Autoritäten – Stromstöße von tödlicher Dosis auszulösen. In Stanford wurden die Versuchspersonen nach Zufallsprinzip entweder zu Gefangenen oder zu Wärtern erklärt; mithilfe weniger Regeln sollten sie zwei Wochen lang Gefängnisalltag nachstellen. Aber schon nach wenigen Tagen häuften sich Fälle von Persönlichkeitsverlust aufseiten der Gefangenen, während die Wärter ihre Gegenüber immer brutaler schikanierten – obwohl doch allen bewusst war, dass sie gemeinsam an einem Rollenspiel teilnehmen. Der Hamburger Autor Mario Giordano hat aus dem historischen Fall vor wenigen Jahren den Roman "Black Box – Versuch mit tödlichem Ausgang" entwickelt. Auf diesem Buch basiert nun Oliver Hirschbiegels "Das Experiment". Darin wird das Experiment natürlich nicht abgebrochen, als es zu eskalieren droht. In der Eskalation kommt der Film erst zu sich selbst. Man muss Autor und Regisseur Recht geben: Die "wahre Begebenheit", die ihrem Werk zugrunde liegt, enthält einen großartigen Filmstoff. Nur ist man sich nach dem Ansehen des Film nicht mehr sicher, ob man dabei vom gleichen Stoff spricht. Denn Hirschbiegel tritt seiner Vorlage etwa so gegenüber wie seine Hauptfigur Tarek dem Experiment – als Agent provocateur. Je mehr es kesselt, desto besser fürs Publikum.

Tarek Fahd (Moritz Bleibtreu) ist Taxifahrer, aber er war mal Journalist. Nachdem er als Versuchsperson ausgewählt worden ist, bietet er seinem alten Boulevardblatt das Experiment als heiße Insiderstory an. Er hat also ein gewisses Interesse daran, dass es im falschen Gefängnis heiß hergeht. Das Los entscheidet: Tarek ist einer der Gefangenen. Er wird sich nichts bieten lassen. Das fordert die Wärter schon bald zu Machtspielen heraus und bietet ihnen Vorwände für ein immer härteres Regime. Nach zwei Tagen wird"s blutig, nach fünfen tödlich.


Regisseur Hirschbiegel muss selbst ziemlich diszipliniert zu Werke gehen, um sein Figurenensemble und zugleich die geschwinde Eskalation des Konflikts glaubwürdig zu entwickeln. Er tut das mit gehörigem Geschick – und verliert gerade dadurch schließlich das Gespür für sein Thema. Am Anfang ist noch Zeit zu zeigen, wie sich die Teilnehmer etwas ungelenk in ihre Rollen finden, wie mit dem Anlegen der Wärteruniform ein Schauer von Autorität durch ausgewählte Körper geht, wie das kameradschaftliche Gewitzel plötzlich an den Gitterstäben Halt macht. Die Struktur prägt den Charakter. Die eigene Funktion im Spiel gewinnt an Bedeutung, die Person auf der anderen Seite verliert, und wer den reibungslosen Ablauf stört, gehört ausgestoßen oder abgeschliffen. Die Bruchlinien zwischen Mit- und Unmenschlichkeit sind im Experiment schnell erkennbar. Jetzt gälte es, genauer hinzusehen, an den Bruchlinien Wache zu halten, Ausdauer zu beweisen, zu beobachten, welche Brüche innerhalb der einzelnen Figuren folgen, wodurch die Abgründe tiefer werden, wer noch Fühler ausstreckt und warum sie abgehackt werden.

Alles das kommt vor im Film. Nur merkt man es irgendwann kaum noch. Denn auch für "Das Experiment" gilt: Die Struktur prägt den Charakter. Und Oliver Hirschbiegel ist vor allem daran gelegen, dass in jeder Szene der Pulsschlag des packenden Thrillers spürbar bleibt, den zu drehen er sich vorgenommen hat. Sein Blick gilt erst in zweiter Linie dem Herzen des Stoffes, in erster Linie gilt er den Herzen des jungen Kinopublikums, mit dessen massenhaftem Zuspruch die Produzenten rechnen. Im vergangenen Jahr war Stefan Rudzowitzkys Horrorthriller "Anatomie" mit mehr als zwei Millionen Zuschauern der erfolgreichste Film aus Deutschland – eine hanebüchene Story, effektvoll erzählt. Mit "Das Experiment" würde Oliver Hirschbiegel gern in dessen Fußstapfen treten, jedenfalls an den Kinokassen. Seine Geschichte erzählt er ähnlich effektvoll. Nur ist sie nicht halb so hanebüchen. Das macht sein Werk zum deutlich besseren Film, es macht allerdings auch die Reibungsverluste zwischen Stoff und Stil umso bitterer.


Irgendwann wendet sich das Blatt. Die Dramaturgie dient nicht mehr dazu, etwas zu zeigen; es wird nur noch gezeigt, was der Dramaturgie dient. Gut und Böse sind jetzt klar voneinander abgesetzt, die Figuren eingepasst ins Typenarsenal anderer Gefängnisfilme: der Weiche, der Harte, der Kumpel, der Verräter, der Loser, der Sadist. So kommt man flüssiger durch bis zum Höhepunkt. Unter der Hand begeht der Film damit Verrat an seinem Thema. Das handelt von der Veränderbarkeit der Menschen. Aber die kann sich der Film schließlich nicht mehr leisten. Auf der Autobahn zur finalen Eskalation braucht er berechenbare Verkehrsteilnehmer, sonst gerät der Zuschauer im Beifahrersitz durcheinander. Dann müsste man das Tempo drosseln, und das ist ausgeschlossen. Allerdings: Es gibt Parkbuchten! Sicherheitshalber schert der Film doch von Zeit zu Zeit aus der Gefängnisspur aus und schwenkt hinüber zu einer Frau, die sich an ihre letzte Liebesnacht mit Tarek erinnert, schwer stimmungsvoll und melancholisch. An ihrer Brust soll man kurz ausruhen, dann wird weiter beschleunigt. Selten war eine Nebenhandlung so hilflos angeheftet wie dieser love interest aus der kleinen Drehbuchfibel.

Oliver Hirschbiegel, bisher als TV-Regisseur sehr erfolgreich, hat seinen Stoff nach allen Regeln des Handwerks perfekt getrimmt. Dieses Krafttraining hat der Stoff selbst nicht überlebt.

© Merten Worthmann

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