Unheimliche Geschichten

Unheimliche Geschichten

Deutschland 1919, Spielfilm

Unheimliche Geschichten

L.B., Der Kinematograph, Nr. 671, 12.11.1919

Diese fünf Einakter zeigen mit verblüffender Deutlichkeit, auf welchem Gebiet der Erfolg des Kinos zu suchen ist. Seit dem "Student von Prag" ist meines Wissens ein derartig wirksamer Stoff noch nicht wieder verfilmt worden. Hier ist ureigenstes Filmland, und Richard Oswald war der berufene Führer, der mit geschickter Hand hier Wege zu ebnen und Ausblicke zu eröffnen verstand, die unbedingt Bewunderung auslösen müssen. Wie sehr verblassen neben der Phantastik, dem bunten Wirbel dieser wirklich spannenden Begebenheiten, die langatmigen und, leider muß es gesagt werden, oft auch recht langweiligen Salonfilme und literarischen Filme, die der Filmkunst noch immer viele Gegner erhalten. Theater und Kino werden stets völlig getrennte Welten bleiben, und den Filmfabrikanten, die im Zuge sind, die gesamte Weltliteratur nach und nach auf die Leinwand zu bannen, kann diese neue Filmschöpfung als Beispiel für eine glückliche Stoffwahl empfohlen werden. Allerdings wird ein solcher Wurf nicht alle Tage gelingen und es gehört eine sichere Hand dazu, aus der Fülle des Stoffes das wirksamste hervorzuheben. Richard Oswald ist das mit Meisterschaft gelungen. Mit steigendem Interesse folgt man den zum Teil recht gruseligen Begebenheiten, die in der ”Schwarzen Katze" und im ”Klub der Selbstmörder" ihren Höhepunkt finden. Wenn hier Reinhold Schünzel mit dem Blick auf die große Wanduhr die wenigen Minuten zählt, die ihn noch von seinem Tod trennen, wenn der Zeiger immer weiter vorrückt und die Uhr schließlich zum zwölften Schlage aushebt, ohne daß sich Rettung zeigt, da hält man tatsächlich den Atem an. Überhaupt Reinhold Schünzel! Er ist abwechselnd ein Irrsinniger, ein vertrottelter Trunkenbold, ein gerissener Polizeikommissar und zum Schluß sogar ein entzückender Rokoko-Edelmann, dem die Tapferkeit nur auf der Zunge aber nicht im Herzen sitzt, dem vielmehr das Herz beim tête-à-tête mit der Dame seines Herzens, infolge einer von deren Ehemann inszenierten lustigen Spukgeschichte, etwa tiefer rutsch t. Die einzelnen Bilder werden durch launige Verse verbunden, die eine angenehme Abwechslung für die üblichen Zwischentitel und Erklärungen bieten. Conrad Veidt war ein großartiger Darsteller, besonders der düsteren Gestalten dieser fünf Akte und in jeder Rolle von packender Wirkung. Man mußte bei ihm wie bei Reinhold Schünzel die außerordentlich feine mimische Kunst bewundern, die des erklärenden Wortes nur sehr selten bedurfte. Die weiblichen Hauptrollen verkörpert Anita Berber und kann dabei zeigen, daß sie nicht nur eine hervorragende Tänzerin, sondern auch eine gute Schauspielerin ist. Im zweiten Bilde ”Die Hand” gibt sie überdies eine Probe ihrer eigenartigen Tanzkunst. Reizend ist sie im Biedermeierkostüm und noch entzückender und graziöser als Rokokogräfin mit der kleidsamen gepuderten Perücke. Eine sehr hübsche Idee ist die Zusammenfassung dieser "unheimlichen Geschichten" in ein Rahmenspiel, das im Laden eines alten Bücherantiquars seinen Ausgang nimmt.

Dort steigen um Mitternacht die Figuren dreier großer Gemälde, Teufel, Dirne und Tod (Schünzel, Berber, Veidt) aus ihren Rahmen, stöbern in den alten Folianten und lesen sich daraus die unheimlichen Geschichten vor, bis die Uhr eins schlägt und die Gespenster in ihre Rahmen zurückschlüpfen. Die ganze Art der Inszenierung ist überaus geschickt und geschmackvoll. Man liegt von Anfang bis zu Ende im Banne der verschiedenen Handlungen, die zum Teil Anlaß zu sehr hübschen und verblüffenden Tricks geben. Daß die unheimlichen Geschichten mit einer lustigen Spukgeschichte schließen, ist ebenfalls ein sehr glücklicher Gedanke.