Frauenschicksale

Frauenschicksale

DDR 1952, Spielfilm

Der tiefere Sinn

Erinnerung an "Frauenschicksale" (1952)




Fred Gehler, Film und Fernsehen, Berlin/DDR, Nr. 9, 1984


(…) Etwa ein Jahrzehnt noch dem Erscheinen der "Frauenschicksale" wird Dudow sein Credo in die Worte fassen: "Der Zuschauer von heute will den interessanten Film, einen Film, von dem man spricht, den außergewöhnlichen Film, sonst bleibt er lieber zu Hause … Wir müssen bemüht sein, den tieferen Sinn des menschlichen Daseins zu erfassen, und durch die Darstellung interessanter Menschenschicksale unserer Epoche Prägnanz verleihen … Die Vertiefung der Wirkung des Films entsteht … dadurch, daß er die Öffentlichkeit längere Zeit beschäftigt."

Dudows Wille zum "außergewöhnlichen Film" in "Frauenschicksale" beschäftigte 1952 nicht zuletzt die Kritik. Sie bestand summa summarum die Probe nicht, attackierte sie doch gerade die aus unserer Sicht originellsten und produktivsten Aspekte des Films, lobte das Vergänglichste. Eine aufschlußreiche Lese-Stunde in Sachen Dialektik der Geschichte und somit auch der Kunstgeschichte.

Eine kleine Blütenlese: "… Der erste Teil hat eine gewisse Gefährlichkeit: Er zeigt, wie mehrere Mädchen und Frauen von einem einzigen Mann verführt und betrogen werden." – "Selbstverständlich ist es nicht typisch, daß die Entwicklung der Frauen bei uns, das Wachsen ihres Bewußtseins über einen Mann, über solche Conny-Affären lief und verläuft … Die Fabel darf nicht zur Zwangsjacke werden." –

"Es ist unglaubhaft, daß die Jurastudentin Barbara Berg, die durch die Jahre im KZ zu einem aktiven politischen Menschen geworden ist, in eine solche Abhängigkeit von diesem Manne gerät … Connys Lebensphilosophie ist … der private Ausdruck eines Filous, nicht mehr die bewußte Infiltrierung der Kriegshetzerpropaganda … schmalziger Mädchenverführer aus dem Hugenbergschen Ufa-Repertoire …"

Und selbst diese paradoxe Feststellung wurde niedergeschrieben: "Diese Schwäche des ersten Teils zu beseitigen, hatte es genauerer Kenntnis der gesellschaftlichen Situation bedurft und des richtigen Empfindens für das, was die Menschen des Volkes dargestellt zu sehen wünschen."



Über die Schwächen des zweiten Teils gibt es hingegen 1952 kaum Anmerkungen: weder über die plakative Rhetorik, die mißglückten Anleihen beim Agitprop-Sketch, noch über die seltsam primitive Bild"erfindung", um eine untergehende und "verfaulende" Welt zu charakterisieren (etwa die unter die Gürtellinie des ästhetischen Geschmacks geratene "Tanz auf dem Vulkan"-Szene).
Nicht bemerkt wurde – und wenn, dann nur löblich – die um sich greifende Tendenz zur vorschnellen Harmonisierung. Das Finale des Films illustriert denn auch getreu ein allgemeines gesellschaftliches Wunschbild. Ein Lied vom glücklichen Leben ohne Haken und Widersprüche. Dabei ist es kein Zufall, daß die individuellen Schicksale ihre Eigenart verlieren, zusehends aus dem Film verschwinden. Übrig bleiben eine besonnte Gegenwart und der mißglückte Versuch Dudows, stimmige Metaphern für einen so zu sehenden geschichtlichen Prozeß zu finden.

Hierüber nun wieder pure Verwunderung zu zeigen, wäre undialektisch und hieße die politische und kulturpolitische Realität des Jahres 1952 zu negieren, der auch Dudow seinen Tribut zollte. Die befremdende Askese von Sinnlichkeit in "Frauenschicksale" beispielsweise ist ja keineswegs Autoreneigenart.

Doch es bleibt letztlich auch in diesem Film Slatan Dudows als unverlorene und unverlierbare Substanz eine Summe von Eigenarten, die ihm unverwechselbar gehören. "… wobei das Wichtigste für mich schon seine Entwürfe sind", schrieb Wolfgang Kohlhaase, "die immer auf Großes ausgehen, auf die Abbildung moralischer Phänomene, auf geschichtliche Bewertung, auf Wahrheit."