Wenn du groß bist, lieber Adam

Wenn du groß bist, lieber Adam

DDR 1965, Spielfilm

Der Charme der frühen Jahre.

Wenn du groß bist, lieber Adam



Henryk Goldberg, Filmspiegel, Berlin, Nr. 25, 1990


Der Charme der frühen Jahre. Das Wartburg-Coupe, ein Traum. Der Plattenspieler, den uns mein Vater kaufte. Die höflichen jungen Männer in den korrekten Anzügen. Die netten jungen Frauen in den adretten Kostümen. Die kessen Tänze auf der Straße. Ein Hauch von Welt, ein Stückchen Sonne. In diesem rührenden Design der Dinge wie der Köpfe brachen die damals Jungen in die Zukunft auf. Die Hoffnungen der frühen Jahre. Einmal, wenn wir den Sozialismus geschafft haben, wird der Mensch gut sein. Dann werden wir nicht mehr lügen. Und jetzt beginnen wir mit der Menschwerdung. Fröhlich und gut. So entstanden solche Filme. Davor hatte Egon Günther "Lots Weib" gemacht – ebenfalls mit Helga Schütz – danach folgte "Abschied". Kein anderer der 1965/66 eingebunkerten DEFA-Filme ist von solcher Fröhlichkeit wie dieser – eine Haltung, die anzunehmen wir – wir DDR – nicht fähig waren. Und dabei sind Text und Inszenierung von rührender Naivität. Ein weißer Schwan fährt nämlich schwarz. Und bevor er des öffentlichen Verkehrsmittels verwiesen wird, zahlt Adam für ihn. Adam, neun Jahre, Vater Ingenieur, Mutter in Dauerqualifikation, und er ein Sternengucker. Ein Alleswissen-Woller, ein Kind der neuen, besseren Zeit. Die Guten werden belohnt. Der Schwan hält zwar den Schnabel, doch zaubern kann er allemale: Adam erhält die Wunderlampe, die ein jedes Mitglied der Menschengemeinschaft, dem die Zuge aus dem Munde quillt, zum Fliegen bringt. So entstehen quasi schwebende Jungfrauen, und so mancher hat seine Unschuld verloren. Der Plan sieht vor, die Lampe in Serie gehen zu lassen, der Plan wird nicht erfüllt. Hatte eh keiner gewollt, das Teufelszeug, und so bringen sie sie aus der Welt, der Direktor, der im "Kampf gegen Dreckspatz einen guten 2. Platz belegt", der nette Minister, dem er das stolz berichtet, und der Liebhaber mit seiner internationalistischen Freundin, der nun endlich seinen Ingenieur machen wird. Mein Gott, wenn da immer einer käme und die Lampe hielte … Günther erzählt das fröhlich, unbeschwert, mit heiterer Naivität, ein Hauch der neoromantischen Mokka-Milch-Eis-Bar-Poesie, deren Nachwinde auch mir noch in das weit geöffnete pubertierende Herz bliesen. Häng den Mond in die Bäume, sag der Nachtigall Bescheid. Nichts erinnerte an das Umfeld dieses Filmes, nichts daran, wie uns diese Fröhlichkeit abhanden kam. Wenn nicht Szenen und Sätze "abhanden" gekommen wären. (Siehe FS 5/90: Interview Egon Günther.) So hat Günther den Film jetzt dokumentarisch rekonstruiert: Die gestohlenen Sätze sind als Insert auf der Leinwand nachzulesen. Der künstlerische Rückschlag für Egon Günther war, denke ich, nicht so gravierend wie für andere, Jürgen Böttcher vor allem. Markanter, folgenreicher der gesellschaftliche Verlust: Nicht nur des einzelnen Filmes, der Haltung, des einvernehmlichen Engagements, das so abhanden kam mit den Jahren. "Ob ich"s mal verstehe?" fragt der Junge. "Wenn du groß bist, lieber Adam."