Die Quereinsteigerinnen

Die Quereinsteigerinnen

Deutschland 2005, Spielfilm

Die Quereinsteigerinnen


Claudia Lenssen, epd Film, Nr. 8, 2006

Wenn man die Stichworte zu diesem Film liest, hält man ihn auf den ersten Blick für eine kalkulierte Banalität. "Quereinsteigerinnen, Entführung, gelbe Telefonhäuschen" – das klingt nach einer schwer verdaulichen Mixtur aus poppiger Sozialkritik und RAF-Nostalgie. Und die Inhaltsnotiz "Zwei Frauen und ein Mann entführen einen Telekom-Manager" lässt eine Parodie auf das harmlose Spaßguerillero-Trio aus "Die fetten Jahre sind vorbei" vermuten.

Tatsächlich erinnert die augenzwinkernde Moral der Geschichte, nach der sich Täter und Opfer näher kommen und der böse Kapitalist zum Umdenken animiert wird, an Hans Weingartners überschätzte, unschlüssig inszenierte Anarcho-Komödie aus dem Jahr 2004.

Aber Rainer Knepperges und Christian Mrasek, zwei Cineasten, die bisher Kurzfilme produziert haben und den Kölner "Filmclub 813" betreiben, wissen aus ihrem gehobenen Dilettantenstatus (am Szenerand der Kölner Medienhochschule) und ihrem Sinn für unpolierten Screwball-Witz eigene Funken zu schlagen. Knepperges schrieb das Buch und übernahm die mit trockenem Understatement gespielte Rolle des Entführungsopfers, Mrasek führte mit ihm Regie und produzierte den Film.

Die "Quereinsteigerinnen" sind das, was der Titel sagt: keine mythischen Verbrecherinnen, keine Kidnapping- und Erpressungsexperten, sondern zwei skurrile Abenteurerinnen, die an einem winzigen Punkt des großen Fortschritts-Unbehagens ansetzen, jemanden persönlich dafür verantwortlich machen wollen und so mit ihrem Kumpel und ihrer Geisel peu à peu in eine komische Geschichte hineinrutschen. Es geht darum, dass sie ihre Geisel austauschen möchten gegen die Zusage der Telekom, wieder die gelben Telefonhäuschen anstelle der benutzerfeindlichen rosa Apparatesäulen aufzustellen. Barbara (Nina Proll) und Katja (Claudia Basrawi) haben kein Handy, sie fühlen sich wohl in den Klamotten, die sie in Tante Luzis Hütte, ihrem idyllisch altmodischen Versteck, finden, und sie klimpern alte Schlager auf der verstimmten Heimorgel.

Wenn die Freundinnnen den arroganten Manager anfangs in die Hütte bringen, wirkt das trockene Understatement noch selbstgefällig, doch dann zieht einen die Lust an den absurden Situationen, etwa eine scheiternde Flucht in lässiger Slapstick-Manier, in den Film hinein. Wie die Frauen und ihr Kumpel Stefan (Mario Mentrup) gemeinsam Bekennerschreiben verfassen, ihre Villa Kunterbunt gemütlich machen, das Opfer immer wieder listig von der Flucht abhalten und sich wie von selbst die Gruppenbeziehungen verschieben, macht die eigentliche Dynamik aus.

Nina Proll, Star des neuen österreichischen Kinos, und Claudia Basrawi, Schauspielerin und Autorin mit libanesischen Wurzeln und viel Erfahrung in Theater- und Perfomanceprojekten, treffen mit ihren Kollegen einen leichten, improvisiert wirkenden und doch präzise komischen Ton. Das Politische ist nicht plakativ. Es geht um die Frage, wie Leute aus antagonistischen Welten einander näher kommen – ob die Telekom kapiert, worum es geht, bleibt offen.

Klaus Lemke (der als abgefeimter Konzernverhandler zwei schöne Auftritte hat) stand Pate für den Film, Howard Hawks" Leichtigkeit und Helge Schneiders Tiefsinn im Blödeln waren andere Orientierungspunkte der Regisseure. Man wünscht sich mehr Filme von ihnen.

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