Das Beil von Wandsbek

Das Beil von Wandsbek

DDR 1950/1951, Spielfilm

Das Beil von Wandsbek



Erwin Geschonneck: Meine unruhigen Jahre. Hg. v. Günter Agde. Berlin/DDR: Dietz 1984


(…) Der Roman Zweigs gehört zur Weltliteratur. Er steht in allen unseren Bibliotheken, und man kann ihn überall kaufen. Der Film folgte dem Roman ziemlich genau. Das hat uns auch Arnold Zweig bestätigt. Als der Film herauskam, gab es eine Reihe von Diskussionen, auch Vorwürfe. Man fand zwar unsere Leistung – auch meine – eindrucksvoll, wandte jedoch ein, daß der Film Mitleid mit dem Henker erzeuge. Ich konnte und kann dies Argument nicht akzeptieren. Wir hatten doch versucht, die Figur kritisch zu zeigen, und keinen Zweifel daran gelassen, wie jemand aus sozialen Gründen zum Werkzeug der Nazis werden kann. Zweig hatte seinem Roman ein Goethewort als Motto vorangestellt, das uns bei der Arbeit an dem Film sozusagen ideologische Richtschnur gewesen war: "Ihr führt ins Leben uns hinein, / Ihr laßt den Armen schuldig werden, / Dann überlaßt ihr ihn der Pein; / Denn alle Schuld rächt sich auf Erden."

Vielleicht hatten damals manche Zuschauer noch nicht genügend Abstand zur Nazizeit – es war ja erst sechs Jahre danach. Der Film jedenfalls verschwand bald nach seiner Uraufführung aus den Kinos. Zum siebzigsten Geburtstag von Arnold Zweig haben wir ihn uns noch einmal angesehen. Zweig wollte es gern haben, obwohl er nur noch schlecht sehen konnte.

Der Film ist dann nach Zweigs Tod wieder in die Kinos gekommen und auch ins Ausland verkauft worden. Ich sah zufällig eine Vorführung und bemerkte plötzlich, daß der Schluß geschnitten war. Dieser Teetjen wird für seine Tat von dem SA-Sturm gefeiert. Sie belobigen ihn und laden ihn in das Sturmlokal ein, denn der "Führer" kommt nun nach Hamburg. Er war bisher nicht gekommen, weil die Kommunisten noch am Leben waren. Nun sitzt Teetjen deprimiert da, weil seine Kundschaft Wind gekriegt hat, daß er der Mörder war. Sein Geschäft geht nach wie vor schlecht. Aber der SA-Sturm feiert ihn. Und der Sturmführer nimmt das Beil, womit der Teetjen den dreien den Kopf abgehauen hat, schlägt es in einen Balken an der Wand und sagt: "Der Führer kommt nach Hamburg!" Die Filmmusik, der Badenweiler Marsch, setzt ein. Und jetzt hat man geschnitten und das als Schluß genommen.

Ursprünglich ist der Film anders ausgegangen, nämlich wie im Roman: Teetjen geht deprimiert nach Hause, hinauf in seine Wohnung und findet seine Frau erhängt am Fensterkreuz. Sie konnte dies Leben nicht mehr aushalten. Er sieht sie, geht an seinen Schreibtisch, macht die Schublade auf, nimmt seine Pistole und schießt sich eine Kugel durch den Kopf. Das war der Originalschluß.

Jener neue Schluß überraschte mich. Keiner hatte etwas von diesem Schnitt gewußt. Solch anonymes Eingreifen in die Arbeit eines Schöpferkollektivs ist nicht korrekt und nicht schön. Ich fand diesen Schnitt nicht gut, denn das Ende Teetjens durch Selbstmord ist logisch und liegt völlig im Charakter dieser Kreatur.

Zu meinem fünfundsiebzigsten Geburtstag bereitete mir die DEFA ein besonderes Geschenk: Horst Pehnert, unser Filmminister oder – wie sein korrekter Titel lautet – der Stellvertreter des Ministers für Kultur und Leiter der Hauptverwaltung Film, hatte angeregt, nach der Originalkopie zu forschen. Die Kollegen der DEFA machten das, und zu meinem Geburtstag wurde der Film in seiner ursprünglichen Fassung im Berliner Kino "Kosmos" gezeigt. Ich habe mich sehr darüber gefreut. (…)

© Günter Agde